Ja, die Überschrift ist drastisch formuliert. Ab und an muss man aber auch mal polemisch werden dürfen. Gerade wenn der zweite Arbeitstag im neuen Jahr mit einer (zugegebenermaßen erwartbaren) Desillusionierung einher geht. Polemisierung des Bauchgefühls wegen also einerseits. Andererseits gibt die Kita-Praxis in Sachen Umgang mit normabweichenden Kindern aber auch wirklich Grund zur Verzweiflung.
Zuallererst für die betroffenen Kinder (der Begriff normabweichend findet gleich eine weitere Ausführung), zudem aber auch für all jene, die darauf setzen, daran glauben oder die zumindest hoffen, dass es so etwas wie eine "mitnehmende Alltagsrealität" für Kinder gibt, die aufgrund irgendeiner Entwicklungseinschränkung, einer körperlichen, geistigen oder sozialen Behinderung oder einfach aufgrund sich vom Mainstream unterscheidender Familien- und Erziehungssettings den Normanaforderungen nicht entsprechen. Von Inklusion mag ich bewusst noch gar nicht sprechen oder schreiben.
Normal und Norm - das sind zwei Begriffe, deren Bedeutung in der Realität von Kita eine unerkannt große Bedeutung haben. Und zwar in zweierlei Hinsicht. Zum einen scheint es eine Art Normaltakt im Alltagsschwingen einer Kita zu geben. Alles geht einen irgendwie genormten Gang, vieles ist über Jahre eingespielt und wenig, wirklich sehr wenig, scheint im täglichen Miteinander von Kindern und Erzieher_innen tatsächlich bedürfnisgerecht ausgehandelt zu werden. In diesen Normaltakt sollten sich Akteure in der Kita - seien es Kinder, Erzieher_innen, Eltern oder Unterstützungsstrukturen - möglichst einfügen. Nicht dass dies ein Naturgesetz wäre, systemisch zu erklären ist es aber sicher.
Die zweite Dimension von Norm bzw. Normalität betrifft die Entwicklung des einzelnen Kindes. Da scheint relativ klar, welcher Entwicklungsstand, welches Verhalten und welcher alltägliche Unterstützungsbedarf "normal" ist. Unterscheidet sich ein Kind nun von solcher Norm, gerät es zum einen potentiell in den zweifelhaften Genuss einer Einzelförderung. Eine solche Einzelförderung bietet betriebswirtschaftliches Potential, bedeutet sie unterm Strich doch eine Möglichkeit zur Anstellung zusätzlichen Personals. In Summe stehen einer Kita dann schnell ein oder zwei Sozialpädagog_innen-Stellen zusätzlich zu den Erzieher_innen-Stellen zur Verfügung. Und Personal das man einmal im Haus hat,...
Zum anderen sorgt dieses Kind im Gruppenkontext für einen real höheren Betreuungsaufwand, braucht vielleicht mehr Zuwendung, besondere Unterstützung bei bestimmten Handlungen oder besondere Rahmenbedingungen für eine gelingende Entwicklung.
Faktisch gäbe es eine recht einfache Möglichkeit des Umgangs mit alledem: man überlege sich, wie der Gruppenalltag in einer Kita so organisiert werden kann, dass alle Kinder darin ihren Platz finden, alle damit zurecht kommen und allen Anforderungen gerecht wird. Man muss das gar nicht Inklusion nennen, um sich schnell darüber klar zu werden, dass bei einem solchen Umdenken die erste Dimension von Normalität in einer Kita intensiv betroffen wäre, der Normaltakt. Der nämlich wäre auf einmal schneller, langsamer, vielfältiger, vielleicht unregelmäßig. Und das scheint gar nicht zu gehen. Nicht in einer eingespielten Kita, in der alle schon immer wissen, wie sie es machen müssen, damit es läuft.
Es? Dieses "es" braucht offenbar für das Funktionieren einer Kita keiner weiteren Konkretisierung. Vielleicht ist dieses "es" tatsächlich jener kleinste gemeinsame Nenner, der eine Kita, ein pädagogisches Team, den Sozialraum Kita überhaupt zusammenhält. "Es" wird von jeder und jedem individuell interpretiert. Und nur selten schaut man nach den "es" in der Interpretation der anderen.
Das mag nun alles klingen wie ein Frustausbruch eines an eine Grenze gestoßenen Erziehers. Ist es aber nicht. Denn tatsächlich lässt sich in der Kita-Praxis messen, wie oft es um wessen Interessen geht und welche Handlungen auf transparenten Vereinbarungen zwischen verschiedenen Akteur_innen beruhen. Kurzum, es ist messbar, wie oft und wie intensiv es um die Interessen des einzelnen Kindes geht und es ist ebenso messbar, welche Alltagsrealitäten in einer Kita auf nachvollziehbar ausgehandelten und somit transparenten Vereinbarungen beruhen und wie stark demgegenüber die Bedeutung informeller Hierarchien und Regelwerke ist.
Um das von einer "Normabweichung" (wahrlich ein problematisches Wort - aber mir geht es hier ja um ein Problem, ein recht großes sogar wie mir scheint) betroffene Kind wieder in den Blick zu nehmen: seine Interessen und besonderen Bedarfe stehen in der Alltagsrealität der nicht inklusiven Kita weit hinten. Demgegenüber stehen die Interessen und Bedarfe des Personals und des Personalmanagements ziemlich weit vorn. Mir scheint es gerechtfertigt, ob dieser Wahrnehmung nicht von Frustration, sondern vielmehr von einem Problem zu sprechen.
Offenbar gibt es in der Logik, dass Kinder mit besonderem Förderbedarf vordergründig ein Mehr an personeller Zuwendung - also eine irgendwie zu beziffernde Arbeitszeitleistung einer Fachkraft - benötigten, einen Haken: die Praxis. All zu oft frisst die scheinbar jeden Effekt dieses Mehrs auf. Macht es da nicht Sinn, über Alternativen nachzudenken? Darüber vielleicht, was es im Kern ist, das Kinder wirklich benötigen und darüber, was ein System wie eine Kita braucht, um dem gerecht zu werden? Vielleicht braucht es ja des Nachdenkens und Infragestellens von Normalitätsvorstellungen? Und vielleicht braucht es mit Blick auf konkrete Handlungsmöglichkeiten eines Blicks, auf das, was das Miteinander von Menschen im Wesentlichen ausmacht, die Interaktion.
Das Mitdenken und Mitnehmen aller, zum Beispiel auch im Kontext von früher Bildung, braucht das Überwinden von Normalitätsvorstellungen und es braucht eine inklusive Gestaltung von Interaktion, eine mitdenkende und mitnehmende Interaktion zwischen allen Akteuren. Solange wir nicht einmal in die Nähe solcher Praktiken kommen, betreiben wir maximal das Hereinholen Einzelner in starre normverliebte Systeme, keinesfalls aber das, was eigentlich gemeint ist mit dem Begriff Inklusion.
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