Eine Kita ist ein komplexes System. Und komplexe Systeme brauchen Regeln. Zumal wenn in ihnen Kinder betreut und gefördert werden.
Das mit den Regeln ist allerdings so eine Sache. Es gibt solche, die auf Papier (oder neuerdings in die Cloud) geschrieben werden und dadurch Gültigkeit erhalten. Sollen solche Regeln verändert werden - etwa weil sie sich nicht bewährt haben oder die Regelwächter/innen irgendwann neue Gesichter haben - braucht es einer Auseinandersetzung, einer Vereinbarung oder eines entsprechenden Dekrets "von oben". Öffnungszeiten lassen sich in einer Kita so regeln. Oder Dienstpläne oder Raumausstattungen.
Eine andere Form von Regeln entsteht in der täglichen Arbeit der Erzieher/innen. Und solche Regeln sind keinesfalls einheitlich - selbst wenn die grundsätzliche pädagogische Ausrichtung der Erzieher/innen doch eine ähnliche sein sollte. Und dennoch unterscheiden sich im konkreten Tun Vorstellungen davon, was richtig und wichtig ist. So entscheidet beispielsweise jede/r Erzieher/in, bei welchem Wetter es tatsächlich raus geht - beispielsweise durch eine eigene Interpretation der Regenstärke.
So erfährt eine Kita Leben, so lernen Kinder zudem, dass auch Erwachsene unterschiedliche Meinungen haben und unterm Strich dennoch sehr gut miteinander klarkommen können. Nicht zuletzt wegen der Verschiedenartigkeit von erwachsenen Bezugspersonen sollten Kinder in der Kita zwischen verschiedenen Ansprechpartner/innen wählen können bzw. ab und an mit verschiedenen konfrontiert sein.
Zur Schwierigkeit werden individuell getroffene Regelungen allerdings in einem komplexen System dadurch, dass sich aus ihnen in der Summe ein Regelwerk ergibt, dass keinesfalls mehr vielfältig ist, sondern nach und nach sehr enge Grenzen setzt. Unter Umständen ist das sogar gar nicht so ungewollt. In jedem Fall aber ist dieser Mechanismus wirkungsmächtig.
Beispiel Schaukel... Im Garten gibt es zwei nebeneinander hängende Schaukeln. Für diese Anlage (umgeben von einer kleinen Hecke, durch die ein Zutrittsbereich genau gekennzeichnet ist) gibt es Regelwerk. Geschaukelt werden darf nur, wenn ein/e Erzieher/in anwesend ist. Es darf nur sitzend und nur mit dem Gesicht in Richtung des "Eingangs" geschaukelt werden. Schaukeln dürfen zudem nur Kinder, die allein auf die Schaukel klettern und diese allein in Bewegung versetzen können. Wie lange das einzelne Kind schaukeln darf, ist wahlweise zu zählen, zeitlich zu messen oder aus dem Bauch zu bestimmen. Kein anderes Kind darf (das folgt aus den Regeln und wird regelmäßig angemahnt) den abgegrenzten Schaukelbereich während des Schaukelns betreten - also auch nicht etwa, um einem anderen Kind zu helfen oder ihm Anschwung zu geben. Und da sich das Erdreich unter den schaukeln zugleich verdichtet und reduziert, also kleine Kuhlen entstehen, müssen nach und nach die Beine der Kinder, die allein auf die Schaukel kommen können, immer länger werden. Wahlweise dürfte auch die Technik des selbstständigen Aufstiegs immer ausgefeilter werden...
Die Summe dieser Regeln steht nicht etwa irgendwo geschrieben. Sie ist auch nie - so scheint es zumindest - diskutiert worden. Vielmehr ergibt sie sich daraus, dass immer wieder andere Kolleg/innen an der Schaukel die Aufgabe der Aufsicht übernehmen. Und für jede und jeden scheint eine andere Regel passend und wichtig. Da man eine einmal von einer/einem Kolleg/in ausgesprochene Regel niemals in Frage stellen würde, weil dies ja einem Infragestellen der/des Kolleg/in gleichkommen könnte. Und so kommt eine Regelung auf die andere. Bis schließlich kaum noch Platz bleibt für kreatives Spiel. Und das ausgerechnet an der Schaukel, die für die motorische Entwicklung so wichtig sein kann. Und nahezu prädestiniert ist für die Erprobung der Kinder in Sachen Kooperation, Konfliktaustragung und Selbstregulation.
Beispiel Pfütze... Es ist klar, auch bei Regenwetter geht es in den Garten. Allerdings finden sich an drei Stellen bei Regen schöne Pfützen. Oder zum Glück befinden sie sich schnell dort. Selbstverständlich jedoch sind auch diese drei Pfützen durchreguliert. Das Schema der Regelentstehung ist ein ähnliches wie an der Schaukel. Bei oder nach Regen gehen die Kinder in Regenkleidung in den Garten. Gummistiefel, Regenhose und Regenjacke gehören dazu - eigentlich also weitgehend wasserdicht. Einige wenige Kinder haben gelegentlich leider keine Wechselsachen mit. Manches mal sind die Gummistiefel gerade zu klein. In den Gruppenräumen warten aber für alle Kinder für den Bedarfsfall Wechselsachen. Selbst wenn ein Kind ohne Regensachen sich in einer Pfützen badet, könnte es wenige Augenblicke später umgezogen und damit trocken sein.
Die Pfützen-Regelungen sind eine Ansammlung von wenn-dann-Kombinationen. So könnten Kinder aus einigen Gruppen (immer abhängig von dem/der jeweiligen Erzieher/in) in voller Regenmontur selbstverständlich wild durch die Pfützen springen. Andere Gruppen kennen die Einschränkung, dass man bitte nicht springen, sondern nur vorsichtig hindurch laufen sollte. Wieder andere Gruppen sind ermahnt, dass sich in den Pfützen nur bewegt werden darf, wenn gerade kein Kind in der Nähe ist, dass nicht ebenfalls vollständig in Regenkluft gekleidet ist. Pech haben übrigens die Kinder jener Gruppen, in denen Erzieher/innen die Erfahrung gemacht haben, dass Gummistiefel auch einmal undicht sein können. Für sie gilt ein grundsätzliches Pfützen-Verbot. Noch nicht angesprochen ist übrigens der Fall, dass ein Kind sich mit Schippe und Eimer ausgestattet der Pfütze zum Spiel nähert, Wasser etwa in den Sandkasten transportiert werden soll oder diverse Materialien der Pfütze zugegeben werden sollen, um die entsprechenden Wirkungen zu beobachten.
Für jede der genannten Regeln gibt es einen jeweils guten Grund. Die Fairness allen Kindern gegenüber gebietet es jedoch, an der Pfütze in der unmittelbaren Situation alle gleich zu behandeln. Es wäre schlichtweg schwer zu vermitteln, warum eine Anzahl Kinder in Regenkluft durch die Pfütze springen kann, während sie zur gleichen Zeit von anderen ähnlich gekleideten Kindern nur langsam durchschritten werden darf und wieder andere Kinder dem Geschehen vom Pfützenrand zuschauen müssen. Unterm Strich werden also alle Kinder zurückgehalten. Oder eben nur solange in die Pfütze gelassen, bis... Und so weiter.
Es gäbe viele andere Beispiele. Der Fahrzeugpark, der Ballplatz, der Garten, der Zaun, das Gebüsch, eine frei stehende Mauer, der Sandkasten, die beweglichen Bänke...
Vielleicht aber ist solch strikte Regulierung auch für etwas gut: Kinder lernen so eingeengt, sich ihre Freiräume zu erkämpfen. sei es durch genaue Beobachtung und Differenzierung der Erzieher/innen oder durch schlichtes Umgehen. Komplexe Systeme haben nämlich noch einen Effekt. Sie sind niemals perfekt.
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