Was wurde nicht schon alles zum Thema "Generalverdacht" im Zusammenhang mit Männern in Kitas geschrieben. Es gab gleich zu Beginn des Bundesprogramms "MEHR Männer in Kitas", genau genommen sogar schon davor, den Hinweis, dass man einen Umgang mit eben jenem Generalverdacht finden müsse.
Muss man auch! Es sollte wohl in jeder Einrichtung Ideen dazu geben, wie man umgeht mit Situationen, in denen Erzieherinnen oder Erzieher in Verdacht geraten, sich unangemessen gegenüber Kindern verhalten zu haben. Und im besten aller Fälle ist eine solche Ideensammlung schriftlich festgehalten. Schnell gerät man sonst in unüberlegtes Handeln, wenn ein Vorwurf im Raume steht.
Was aber für gewöhnlich mit dem Begriff Generalverdacht verbunden ist, ist doch die generelle Unterstellung, ein Mensch sei ob eines Merkmals wie Geschlecht oder Herkunft oder Berufszugang besonders anfällig für unangemessenes Verhalten.
Die Unterstellung also, Männer seien potentiell gefährdet, in Ausübung des Erzieherberufs gegenüber den Kindern sexuell übergriffig zu werden, wäre ein solcher Generalverdacht. Und der Generalverdacht des sexuellen Missbrauchs begleitete alle Bemühungen, mehr Männer in die Kitas zu holen.
Allerdings fand diese Begleitung zumeist auf einer merkwürdig abstrakten Ebene statt. So diskutierten Träger und Einrichtungsleitungen darüber, wie man mit dem Generalverdacht umgehen könnte. Oder männliche Erzieher formulierten ihre eigene Vorsicht im Umgang mit Kindern, weil es ja sein könnte, dass Eltern Übergriffigkeiten generell unterstellten. Oder Erzieherinnen etablierten sozusagen präventiv bestimmte Verhaltensregeln, die ihre männlichen Kollegen zu beachten hätten (etwa dass Männer nur bei geöffneter Badtür Kinder wickeln dürften). Dass Eltern jenseits eines konkreten Verdachts männliche Erzieher ablehnen, ist daher kaum überliefert.
Und dennoch schwebte das Thema Generalverdacht auch irgendwie über meinem Weg in die Kita. Kollegen fragten nach, Literatur wurde gereicht, Hinweise wurden gegeben. Nach fast vier Monaten in der Kita weiß ich aber zu berichten, dass ich nicht ein einziges mal mit einer generellen Verdächtigung konfrontiert war - nicht durch die über dreißig Kolleginnen, nicht durch Eltern, nicht durch den Träger. Ich bin Erzieher, wie es die Erzieherinnen auch sind. Vielleicht bin ich manchmal strenger oder weniger streng als die Kolleginnen, manchmal lauter oder leiser, manches mal mehr oder weniger als die Kolleginnen für Kuscheln, Trösten oder Beruhigen verantwortlich. Aber keinesfalls habe ich je gespürt, gehört oder sonst irgendwie erfahren, dass ich weil ich ein Mann bin unter besonderer Observation oder unter einem Vorbehalt stand. Nach ein paar Monaten in der Praxis traut man sich, Kolleginnen oder Eltern auch einmal direkt nach ihrer Wahrnehmung zu befragen. Ich fand dabei Bestätigung für meine Wahrnehmung.
Fragt sich für mich also, ob wir mit dem so sehr lauten Nachdenken über das Thema Generalverdacht nicht den einen oder anderen Erzieher bzw. Sozialpädagogen davon abhalten, in einer Kita zu arbeiten. Vielleicht ist die Praxis viel weniger mit dem Problem aufgeladen, als man es sich in der Theorie ausmalt? Und vielleicht müssen wir einfach lernen, auch dieses Thema zu entdramatisieren. In Sachen Gender (ganz allgemein) gelingt das mittlerweile doch auch schon ganz gut.
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