... Weg. Ein neues Stück Weg liegt vor uns. Also vor uns als Team eines Kindergartens mittlerer Größe, gelegen zwischen zwei als schwierig gebranntmarkten Stadtgebieten einer der beschaulicheren Großstädte dieses Landes.
Bevor es weitergehen kann mit dem Berichten über die kleinen und großen Alltagsgeschichten, braucht es eines Rückblicks auf das vergangene Jahr. Aus Sicht eines Kita-Leiters, Elementarpädagogen und Vaters. Zumindest wenn ich der Logik eines Blogs folgen mag. Und ja, das mag ich natürlich!
Nach dem "Seitenwechsel" - der Blogeintrag stammte aus dem Januar des vergangenen Jahres - ist viel passiert. Mittlerweile sind es fast zwei Jahre als Leiter eines dynamischen Hauses mit viel Entwicklungspotenzial. Da wäre die vollzogene Öffnung der pädagogischen Arbeit. Da wäre die strukturelle Umstellung der besonderen Förderung von Kindern mit besonderen Bedürfnissen. Da wären Personalentscheidungen innerhalb des Hauses und wäre der Versuch der Abwägung zwischen fachlichen und sozial-kommunikativen Ressourcen innerhalb des Teams.
Das Nachdenken über eigene längerfristige Perspektiven vereint sich schließlich mit einer Veränderung im privaten Bereich - dem großartigen Geschenk des Vaterwerdens. Nicht dass ich dies zum ersten mal genießen dürfte. Familienleben und Leitungstätigkeit allerdings sind nicht so leicht zu vereinbaren, wie das noch zu Zeiten als "normaler Angestellter" bei meinen größeren Kindern möglich war.
Bevor es also mit Episoden aus dem Hier und Jetzt weitergehen kann, braucht es aus meiner Sicht der kurzen Retrospektive. Dies soll in einigen kurzen Posts in der nächsten Zeit hier passieren.
Ach ja, ein Buch soll her! Nach gut zwei Jahren intensiver Arbeit an der Neuausrichtung des pädagogischen Konzepts und Alltags einer Kita entlang der Ideen von offener Arbeit und Inklusion, ist die Zeit reif, aus der Praxisperspektive zu berichten. Vor allem weil ich immer wieder von Pädagog/innen anderer Häuser dazu befragt werde, wie man denn das eine oder andere Momentum offener Arbeit im Alltag ganz konkret gestalten könnte. Und weil ich mittlerweile weiß, dass es neben der reinen Fachlichkeit in der Umsetzung dieser Form von Pädagogik vor allem darum geht, alle Beteiligten - Kinder, Eltern, Pädagog/innen - ernsthaft und weitestmöglich mitzunehmen. Und weil es eben viele Bücher zur reinen Fachlichkeit gibt, aber wenige, die aus der Perspektive der Kita-Praxis berichten.
Kurzum, im Jahr 2018 soll das Buch fertig sein. Am Wachsen dieses Projekts lasse ich natürlich gern teilhaben. :-)
Dienstag, 2. Januar 2018
Montag, 23. Januar 2017
Seitentausch
Also fast.
Nach gut eineinhalbjähriger Tätigkeit als Pädagoge im Gruppendienst rief eine Leitungsstelle. Und wer kann schon "Nein!" sagen, wenn eine Leitungsstelle ruft?! Für irgendwas muss ein abgeschlossenes Studium schließlich gut sein, zumal wenn es bis zum Master gereicht hat.
Nun also Leitung, Kita-Leitung. Alles, was früher an den gegebenen Rahmenbedingungen schwierig erschien, scheint nun veränderbar! Als "Manager einer mittelgroßen Unternehmung" - immerhin mit gut 20 Mitarbeiter/innen und mehr als 100 regelmäßigen Nutzer/innen der angebotenen Dienstleistung - als Verwalter eines nicht unbeachtlichen Finanzbudgets, als Ansprechpartner für Eltern, Ämter, Schulen, Dienstleister und als sachlich und organisatorisch Verantwortlicher für die Entwicklung der geleiteten Kita muss es doch möglich sein, klare Richtungen vorzugeben.
Bis zu jenem Tag, an dem der Satz "Alles braucht seine Zeit, wichtig sind viele KLEINE Schritte!" zum gefühlt hundertsten mal den Weg von meinem jeweiligen Gegenüber durch mein Ohr, über das Hirn bis in den Bauch gefunden hat. Spätestens in diesem Moment ist erkannt, dass der Seitentausch, der so sehr gar nicht mit dem Einnehmen einer Position gegenüber des Bisherigen zu tun hat, Fragestellungen und Probleme nicht überwindet, sondern maximal verlagert.
Was dereinst die scheinbar unveränderbaren aber schlechten Rahmenbedingungen waren, sind jetzt die Probleme damit, das an die ausführenden Pädagog/innen zu vermitteln, was der Leiter sich so unter "guter Pädagogik" vorstellt.
Es bleibt also spannend und immer in Bewegung und gefüllt mit kleinen und großen Episoden! Wenn das also nicht zum Weiterschreiben hier Grund genug sein sollte - was dann?!
Dienstag, 25. August 2015
Ein Jahr später...
Die Zeit in einem Kindergarten vergeht ungefähr so schnell, wie ein Wochenende mit Ausblick auf eine anstrengende Arbeitswoche. Ein Jahr ist es nun her, dass mich mein Weg zur Erziehertätigkeit in einen Kindergarten geführt hat. Als Mann, als Sozialpädagoge, als Vater.
Und nach ziemlich genau diesem Jahr gibt es einen aktuellen Anlass zum Schmunzeln, da der neue Kollege im Haus (der zweite Mann im Team!) sich nach den ersten beiden Wochen seiner Mitarbeit so ziemlich genau die Fragen stellt, die ich mir dereinst auch stellte und bis heute nur in kleinen Teilen beantwortet habe. Die wichtigste Frage dabei ist ohne Zweifel: "Warum machen die das so?"
Universell anzuwenden ist die Frage auf den zwischen Frauen scheinbar speziell vereinbarten Umgang mit dem Thema Macht ebenso, wie auf Kommunikations-Highlights, auf den - seit der Präsenz männlicher Kollegen offenkundig schlagartig veränderten - Umgang mit körperlich anstrengenden Tätigkeiten, wie dem Tragen von Wäsche oder Verrücken von Tischen, auf jene Form der speziellen Rücksicht, die Männern (Erziehern und Vätern gleichermaßen) im Kindergarten zuteil wird, wenn es um "Pädagogisches" geht oder die wirklich permanente Frage, wie lange man denn nun eigentlich im Kindergarten arbeiten möchte.
Letztere unterstellt wohl den unbändigen Drang nach einem Fortkommen, den ich einst so gar nicht verspürte. In bester Absicht unterstelle ich im Umkehrschluss, dass die Kolleginnen den von ihnen ausgeübten Beruf für so wenig attraktiv halten, dass ein Mann sich darin keinesfalls für eine längere Zeit aufhalten möchten kann.
Seit kurzem beantworte ich die Frage offensiv mit der Auskunft, dass ich meinen befristeten Arbeitsvertrag - und damit die vertragliche Basis meiner Mitarbeit im Kindergarten - erfüllen werde. Das ist typisch männlich. Denke ich mir. Es macht auch ein wenig Spaß. Auf jeden Fall lässt es Raum für Spekulationen, die aber gar nicht sein müssten, weil der genannte Arbeitsvertrag eben einen letzten Arbeitstag kennt.
Nach einem Jahr im Kindergarten habe ich eine halbwegs passable Vorstellung davon, was Veränderung im Kindergarten (und Bedarf an Veränderung gibt es ausreichend für das Befüllen eines eigenen Blogs) an Anstrengung bedeutet. Die wie in Stein gemeißelte Wahrnehmung der Welt als aus Männern und Frauen bestehend ist da nur eine Dimension. Wie zum Beweis der noch notwendigen Arbeit in diesem Themenfeld lud der Träger 'meines' Kindergartens irgendwann in der ersten Jahreshälfte zur Mitarbeiter_innen-Feier. Eigentlich eher zur Mitarbeiterinnen-Feier. Was da als geschlechterkritisches Kabarett angedeutet war, entpuppte sich schließlich als Schenkelklopfer-Veranstaltung á la "alle Männer sind stumpf und faul und alle Frauen feiern das gebührend" gespickt mit einer Brise Rassismus. Sehr zur Freude des etwa 90prozentigen Anteils von Mitarbeiterinnen in der Veranstaltung. Für einen kurzen Augenblick schien das sogar den (ausschließlich) Herren der Führungsriege unangenehm.
Aber das sind Episoden. Man sollte übrigens während dieser Episoden, die offensichtlich nur bei den anderen ganz schnell wieder vergessen sind, keinesfalls zu deutlich anzeigen, dass man plumper Klischee-Bedienung eher kritisch gegenüber steht. Ansonsten wird der Verlauf einer solchen Veranstaltung mindestens drei Wochen lang gegenüber Dritten in etwa mit den Worten "Na ja, abgesehen von Max *kicher* hatten wir eigentlich alle Spaß." Das wird dann aber natürlich um die hochkritische Einstellung ergänzt, dass das natürlich nur Kabarett gewesen sei und man das alles ja nicht so ernst nehmen müsse.
Wie gesagt, es braucht noch einiges an Veränderung im Kindergarten.
Meine wesentliche Erkenntnis? Dass ich in Unkenntnis darüber bin, ob sich dieses Mann-Frau-Dingens wirklich jemals auflösen lässt. Das übrigens paart sich mit einer schier unendlich angewachsenen Sehnsucht danach, endlich mal wieder ein Konflikt mit offenem Visier auszutragen, ohne irgendeinen pseudo "Ich schätze dich ja sehr, aber ich wünsche mir von dir..."-Frieden.
Wenn ich heute gefragt würde, was ich mit folgender Beschreibung assoziiere: "Menschen, die mit der Wahrnehmung des selben Auftrags betraut sind, verwenden einen Großteil ihrer Energie nicht auf die Erfüllung des Auftrags, sondern auf das beständige Aushandeln ihrer Machtbeziehungen, wobei Macht nicht dem Streben nach Herrschaft/Führung gleichzusetzen ist, sondern vielmehr die Möglichkeit der beständigen Infragestellung von Führung selbst um den Preis der Zuwiderhandlung gegen eigene fachliche Überzeugungen meint.", so wäre meine Antwort nicht mehr, "der Deutsche Bundestag", sondern "ein Kindergarten".
Spannend im Übrigen, dass man nicht etwa neben solchen Gefügen betrachtend stehen bleibt, sondern früher oder später mittendrin agiert. Aber dazu vielleicht später mehr.
Und nach ziemlich genau diesem Jahr gibt es einen aktuellen Anlass zum Schmunzeln, da der neue Kollege im Haus (der zweite Mann im Team!) sich nach den ersten beiden Wochen seiner Mitarbeit so ziemlich genau die Fragen stellt, die ich mir dereinst auch stellte und bis heute nur in kleinen Teilen beantwortet habe. Die wichtigste Frage dabei ist ohne Zweifel: "Warum machen die das so?"
Universell anzuwenden ist die Frage auf den zwischen Frauen scheinbar speziell vereinbarten Umgang mit dem Thema Macht ebenso, wie auf Kommunikations-Highlights, auf den - seit der Präsenz männlicher Kollegen offenkundig schlagartig veränderten - Umgang mit körperlich anstrengenden Tätigkeiten, wie dem Tragen von Wäsche oder Verrücken von Tischen, auf jene Form der speziellen Rücksicht, die Männern (Erziehern und Vätern gleichermaßen) im Kindergarten zuteil wird, wenn es um "Pädagogisches" geht oder die wirklich permanente Frage, wie lange man denn nun eigentlich im Kindergarten arbeiten möchte.
Letztere unterstellt wohl den unbändigen Drang nach einem Fortkommen, den ich einst so gar nicht verspürte. In bester Absicht unterstelle ich im Umkehrschluss, dass die Kolleginnen den von ihnen ausgeübten Beruf für so wenig attraktiv halten, dass ein Mann sich darin keinesfalls für eine längere Zeit aufhalten möchten kann.
Seit kurzem beantworte ich die Frage offensiv mit der Auskunft, dass ich meinen befristeten Arbeitsvertrag - und damit die vertragliche Basis meiner Mitarbeit im Kindergarten - erfüllen werde. Das ist typisch männlich. Denke ich mir. Es macht auch ein wenig Spaß. Auf jeden Fall lässt es Raum für Spekulationen, die aber gar nicht sein müssten, weil der genannte Arbeitsvertrag eben einen letzten Arbeitstag kennt.
Nach einem Jahr im Kindergarten habe ich eine halbwegs passable Vorstellung davon, was Veränderung im Kindergarten (und Bedarf an Veränderung gibt es ausreichend für das Befüllen eines eigenen Blogs) an Anstrengung bedeutet. Die wie in Stein gemeißelte Wahrnehmung der Welt als aus Männern und Frauen bestehend ist da nur eine Dimension. Wie zum Beweis der noch notwendigen Arbeit in diesem Themenfeld lud der Träger 'meines' Kindergartens irgendwann in der ersten Jahreshälfte zur Mitarbeiter_innen-Feier. Eigentlich eher zur Mitarbeiterinnen-Feier. Was da als geschlechterkritisches Kabarett angedeutet war, entpuppte sich schließlich als Schenkelklopfer-Veranstaltung á la "alle Männer sind stumpf und faul und alle Frauen feiern das gebührend" gespickt mit einer Brise Rassismus. Sehr zur Freude des etwa 90prozentigen Anteils von Mitarbeiterinnen in der Veranstaltung. Für einen kurzen Augenblick schien das sogar den (ausschließlich) Herren der Führungsriege unangenehm.
Aber das sind Episoden. Man sollte übrigens während dieser Episoden, die offensichtlich nur bei den anderen ganz schnell wieder vergessen sind, keinesfalls zu deutlich anzeigen, dass man plumper Klischee-Bedienung eher kritisch gegenüber steht. Ansonsten wird der Verlauf einer solchen Veranstaltung mindestens drei Wochen lang gegenüber Dritten in etwa mit den Worten "Na ja, abgesehen von Max *kicher* hatten wir eigentlich alle Spaß." Das wird dann aber natürlich um die hochkritische Einstellung ergänzt, dass das natürlich nur Kabarett gewesen sei und man das alles ja nicht so ernst nehmen müsse.
Wie gesagt, es braucht noch einiges an Veränderung im Kindergarten.
Meine wesentliche Erkenntnis? Dass ich in Unkenntnis darüber bin, ob sich dieses Mann-Frau-Dingens wirklich jemals auflösen lässt. Das übrigens paart sich mit einer schier unendlich angewachsenen Sehnsucht danach, endlich mal wieder ein Konflikt mit offenem Visier auszutragen, ohne irgendeinen pseudo "Ich schätze dich ja sehr, aber ich wünsche mir von dir..."-Frieden.
Wenn ich heute gefragt würde, was ich mit folgender Beschreibung assoziiere: "Menschen, die mit der Wahrnehmung des selben Auftrags betraut sind, verwenden einen Großteil ihrer Energie nicht auf die Erfüllung des Auftrags, sondern auf das beständige Aushandeln ihrer Machtbeziehungen, wobei Macht nicht dem Streben nach Herrschaft/Führung gleichzusetzen ist, sondern vielmehr die Möglichkeit der beständigen Infragestellung von Führung selbst um den Preis der Zuwiderhandlung gegen eigene fachliche Überzeugungen meint.", so wäre meine Antwort nicht mehr, "der Deutsche Bundestag", sondern "ein Kindergarten".
Spannend im Übrigen, dass man nicht etwa neben solchen Gefügen betrachtend stehen bleibt, sondern früher oder später mittendrin agiert. Aber dazu vielleicht später mehr.
Donnerstag, 22. Januar 2015
Die Rückkehr des Spielzeugs
Fernglas, Mikrofon, Bohrmaschine, Rennauto, Kuscheltier - das ist die "Ausbeute" des vierten spielzeugfreien Tages. Und Gelassenheit im Umgang mit dem Begriff Ordnung.
Es klappt. Wirklich! Sie fangen an, Kreativität komplex zu nutzen. Da steht eine Werkbank in unserem Zimmer. Eine echte. Nur das zugehörige Plastikwerkzeug ist eben gerade in den Ferien. Für drei Tage sorgte das dafür, dass lediglich die Spannvorrichtung an der Werkbank auf- und zugedreht wurde. Heute plötzlich entstanden Bohrmaschinen. Diesem Vorhaben fiel ein Pappkarton zum Opfer. Davon aber haben wir ja gerade genug. Ein Stromkabel gehört auch an eine Bohrmaschine. Zuerst sollte das auch aus demselben Pappkarton ausgeschnitten werden. Ging viel zu schwer und sah irgendwie auch komisch aus. Also schnell umschauen. Und siehe da, in einem Beutel findet sich Wolle. Und weil die für ein Kabel doch ganz schön dünn ist, wird schnell das Flechten gelernt. Fertig.
Die Kuscheltiere sind auch im Urlaub. Das ist deshalb ganz schön schade, weil sie damit mittags gar nicht zum Kuscheln beim Mittagsschlaf da sind. Stoff aber ist gerade jede Menge da. Und nun auch eine Anzahl selbstgebastelter Stoffpuppen, die gar nicht so unkuschelig sind. Vor allem aber sind sie genau so, wie die Kinder sie haben wollten. Schließlich brauchte es Autos. Und weil klein langweilig ist und im Moment sowieso so viele schöne große Kartons da sind, wurde es eben ein etwas größeres Auto. Mit Platz genug für ein ganzes Kind.
Ach ja, ein Schlitten ist wohl die grandioseste Konstruktion des heutigen Tages. Man nehme Pappe, zwei Plastikflaschen als Kufen und gaaaanz viel Paketklebeband. Schon hat man ein Schneetaugliches Gefährt. Die Jungfernfahrt musste noch am Vormittag draußen stattfinden. Und sie gelang.
Und nicht ein einziges Mal hörte man heute die Frage, wann denn das Spielzeug zurückkäme. Wieso auch - es ist ja Spielzeug da.
Es klappt. Wirklich! Sie fangen an, Kreativität komplex zu nutzen. Da steht eine Werkbank in unserem Zimmer. Eine echte. Nur das zugehörige Plastikwerkzeug ist eben gerade in den Ferien. Für drei Tage sorgte das dafür, dass lediglich die Spannvorrichtung an der Werkbank auf- und zugedreht wurde. Heute plötzlich entstanden Bohrmaschinen. Diesem Vorhaben fiel ein Pappkarton zum Opfer. Davon aber haben wir ja gerade genug. Ein Stromkabel gehört auch an eine Bohrmaschine. Zuerst sollte das auch aus demselben Pappkarton ausgeschnitten werden. Ging viel zu schwer und sah irgendwie auch komisch aus. Also schnell umschauen. Und siehe da, in einem Beutel findet sich Wolle. Und weil die für ein Kabel doch ganz schön dünn ist, wird schnell das Flechten gelernt. Fertig.
Die Kuscheltiere sind auch im Urlaub. Das ist deshalb ganz schön schade, weil sie damit mittags gar nicht zum Kuscheln beim Mittagsschlaf da sind. Stoff aber ist gerade jede Menge da. Und nun auch eine Anzahl selbstgebastelter Stoffpuppen, die gar nicht so unkuschelig sind. Vor allem aber sind sie genau so, wie die Kinder sie haben wollten. Schließlich brauchte es Autos. Und weil klein langweilig ist und im Moment sowieso so viele schöne große Kartons da sind, wurde es eben ein etwas größeres Auto. Mit Platz genug für ein ganzes Kind.
Ach ja, ein Schlitten ist wohl die grandioseste Konstruktion des heutigen Tages. Man nehme Pappe, zwei Plastikflaschen als Kufen und gaaaanz viel Paketklebeband. Schon hat man ein Schneetaugliches Gefährt. Die Jungfernfahrt musste noch am Vormittag draußen stattfinden. Und sie gelang.
Und nicht ein einziges Mal hörte man heute die Frage, wann denn das Spielzeug zurückkäme. Wieso auch - es ist ja Spielzeug da.
Mittwoch, 21. Januar 2015
Platz da die Katze! Meine Couch!
Nach drei Tagen des Experiments wissen wir: Es ist für Kinder kein Problem, Kindergartentage ohne Spielzeug zu verbringen. Für den Erzieher gilt diese Aussage nur eingeschränkt.
Das Vorhaben "Spielzeug macht Ferien" entwickelt sich hervorragend. Die Kinder lernen schnell, sich die neue Freiheit von vorgedachtem Spielzeug zu Nutzen zu machen. Es werden Kartonhütten gebaut, es wird experimentiert, gematscht, konstruiert, gebastelt, gestaltet. Heute war eine Kollegin zu Gast, die vor einiger Zeit in Rente ging und uns nun ehrenamtlich unterstützt. Im Gepäck hatte sie Spiele aus ihrer Kinderzeit.
Nachdem der Anfang der spielzeugfreien Woche doch etwas nach Chaos roch, fühlt es sich mittlerweile regelrecht entspannt an. Und schon ist die Idee geboren, das ursprünglich auf eine Woche geplante Projekt noch um ein paar Tage zu verlängern. Die Tinte des Briefes, den unser Spielzeug aus seinen Ferien schickt um mitzuteilen, dass es die freie Zeit noch um ein paar Tage verlängert, trocknet gerade.
Tatsächlich ist das einzige Problem, dass eine spielzeugfreie Woche ein deutliches Mehr an Schlaf verlangt. Und zwar von mir als Erzieher. Mein Gott, was bin ich geschafft, wenn ich gerade nach Hause komme. Zum Glück steht die Couch gleich neben der Tür und ist am Nachmittag meist noch nicht von den Katzen oder dem Sohn in Beschlag genommen. Platz also für die notwendige Pause nach einem spielzeugfreien Tag.
Und langsam wächst die Erkenntnis, dass solch vorgedachtes Spielzeug an der einen oder anderen Stelle doch ganz gut dem Erzieher zur Entlastung dient... Immerhin ein nachhaltiger Erkenntnisgewinn.
Das Vorhaben "Spielzeug macht Ferien" entwickelt sich hervorragend. Die Kinder lernen schnell, sich die neue Freiheit von vorgedachtem Spielzeug zu Nutzen zu machen. Es werden Kartonhütten gebaut, es wird experimentiert, gematscht, konstruiert, gebastelt, gestaltet. Heute war eine Kollegin zu Gast, die vor einiger Zeit in Rente ging und uns nun ehrenamtlich unterstützt. Im Gepäck hatte sie Spiele aus ihrer Kinderzeit.
Nachdem der Anfang der spielzeugfreien Woche doch etwas nach Chaos roch, fühlt es sich mittlerweile regelrecht entspannt an. Und schon ist die Idee geboren, das ursprünglich auf eine Woche geplante Projekt noch um ein paar Tage zu verlängern. Die Tinte des Briefes, den unser Spielzeug aus seinen Ferien schickt um mitzuteilen, dass es die freie Zeit noch um ein paar Tage verlängert, trocknet gerade.
Tatsächlich ist das einzige Problem, dass eine spielzeugfreie Woche ein deutliches Mehr an Schlaf verlangt. Und zwar von mir als Erzieher. Mein Gott, was bin ich geschafft, wenn ich gerade nach Hause komme. Zum Glück steht die Couch gleich neben der Tür und ist am Nachmittag meist noch nicht von den Katzen oder dem Sohn in Beschlag genommen. Platz also für die notwendige Pause nach einem spielzeugfreien Tag.
Und langsam wächst die Erkenntnis, dass solch vorgedachtes Spielzeug an der einen oder anderen Stelle doch ganz gut dem Erzieher zur Entlastung dient... Immerhin ein nachhaltiger Erkenntnisgewinn.
Montag, 19. Januar 2015
riots, chaos, confusion & strike - r.c.c.& s.
r.c.c.& s. - riots, chaos, confusion and strike
Wenn ich mich recht erinnere, ist die Buchstabenkombination ein altes Seefahrersignal, dass Schiffe vor dem Einfahren in einen Hafen warnen sollte, in dem es gerade drunter und drüber geht. Zu Beginn des ersten spielzeugfreien Tages in zwei Gruppen unserer nicht ganz so kleinen Stadtrandkita wäre r.c.c.& s. wohl auch das passende Signal an alle gewesen, die vor dem betreten der Gruppenräume standen.
Okay, zumindest vor einem. In dem nämlich wurden wild alle vorhandenen Kartons - und es waren gar einige in teils beträchtlicher Größe - übereinander gestapelt. Jeweils bis zum Zusammensturz des so entstandenen Turms. Dann ging es von vorn los. Schier unermüdlich wiederholten die Baumeister (es waren nur Jungen) das Procedere. Der Turm war wohl das einzige Produkt, das sich aus dem Aufeinandertreffen von einer Anzahl individueller Konstruktionsvorstellungen ergeben konnte. Zu allem anderen hätte es des Miteinander-Redens und -Diskutierens gebraucht. Das kommt vielleicht morgen. Heute zählte erst einmal der Ausbruch aus den bekannten Strukturen.
Gut so. Erzieher/innen kennen zum Glück ja das Prinzip "Versuch und Irrtum" und vertrauen ganz auf die Nachhaltigkeit jener Erkenntnisgewinne, die Kinder aus selbst gefundenen Problemlösungen ziehen.
Nach einer halben Stunde Bauchaos beruhigte sich die Gesamtlage im Übrigen auch und die vorher kaum wahrnehmbaren kreativen Teamarbeiten kamen voll und ganz zur Geltung. "Willkommen in der Wortwerkstatt" - unter dieser Überschrift stand der erste spielzeugfreie Tag. Buchstaben suchen und nachmalen, den Anfangsbuchstaben des eigenen Namens kreativ umgestalten, eine alte Schreibmaschine und ein Beschriftungsgerät ausprobieren - das waren vorbereitete Angebote. Und "nebenbei" oder hauptsächlich natürlich das Spielen mit all den schönen Alltagsgegenständen, die die Eltern zwei Wochen lang mitgebracht hatten.
Ganz im Stillen entstand das Highlight des ersten Tages. Die morgens noch zum Turmbau verwendeten Kartons formten, im Zusammenspiel mit Decken, Holzbrettern und Pappen vor dem Mittagessen eine Zirkusmanege. Die drei Stillsten hatten die Idee mit ganzer Hingabe umgesetzt. Und nun luden sie ihr Publikum zur Vorstellung. Es gab Pferde, Löwen, Tiger, nach einiger Suche einen Affen und begleitet von einem schelmischen Augenzwinkern eine Kuh. Und natürlich eine Menge ganz ehrlich gemeinten Applaus.
Ab morgen will eine kleine Gruppe anderer Kinder auch an einem Zirkusprogramm arbeiten. Der Stoff zum Jonglieren ist schon gefunden...
Wenn ich mich recht erinnere, ist die Buchstabenkombination ein altes Seefahrersignal, dass Schiffe vor dem Einfahren in einen Hafen warnen sollte, in dem es gerade drunter und drüber geht. Zu Beginn des ersten spielzeugfreien Tages in zwei Gruppen unserer nicht ganz so kleinen Stadtrandkita wäre r.c.c.& s. wohl auch das passende Signal an alle gewesen, die vor dem betreten der Gruppenräume standen.
Okay, zumindest vor einem. In dem nämlich wurden wild alle vorhandenen Kartons - und es waren gar einige in teils beträchtlicher Größe - übereinander gestapelt. Jeweils bis zum Zusammensturz des so entstandenen Turms. Dann ging es von vorn los. Schier unermüdlich wiederholten die Baumeister (es waren nur Jungen) das Procedere. Der Turm war wohl das einzige Produkt, das sich aus dem Aufeinandertreffen von einer Anzahl individueller Konstruktionsvorstellungen ergeben konnte. Zu allem anderen hätte es des Miteinander-Redens und -Diskutierens gebraucht. Das kommt vielleicht morgen. Heute zählte erst einmal der Ausbruch aus den bekannten Strukturen.
Gut so. Erzieher/innen kennen zum Glück ja das Prinzip "Versuch und Irrtum" und vertrauen ganz auf die Nachhaltigkeit jener Erkenntnisgewinne, die Kinder aus selbst gefundenen Problemlösungen ziehen.
Nach einer halben Stunde Bauchaos beruhigte sich die Gesamtlage im Übrigen auch und die vorher kaum wahrnehmbaren kreativen Teamarbeiten kamen voll und ganz zur Geltung. "Willkommen in der Wortwerkstatt" - unter dieser Überschrift stand der erste spielzeugfreie Tag. Buchstaben suchen und nachmalen, den Anfangsbuchstaben des eigenen Namens kreativ umgestalten, eine alte Schreibmaschine und ein Beschriftungsgerät ausprobieren - das waren vorbereitete Angebote. Und "nebenbei" oder hauptsächlich natürlich das Spielen mit all den schönen Alltagsgegenständen, die die Eltern zwei Wochen lang mitgebracht hatten.
Ganz im Stillen entstand das Highlight des ersten Tages. Die morgens noch zum Turmbau verwendeten Kartons formten, im Zusammenspiel mit Decken, Holzbrettern und Pappen vor dem Mittagessen eine Zirkusmanege. Die drei Stillsten hatten die Idee mit ganzer Hingabe umgesetzt. Und nun luden sie ihr Publikum zur Vorstellung. Es gab Pferde, Löwen, Tiger, nach einiger Suche einen Affen und begleitet von einem schelmischen Augenzwinkern eine Kuh. Und natürlich eine Menge ganz ehrlich gemeinten Applaus.
Ab morgen will eine kleine Gruppe anderer Kinder auch an einem Zirkusprogramm arbeiten. Der Stoff zum Jonglieren ist schon gefunden...
Samstag, 17. Januar 2015
Zeug zum Spielen (Auftakt)
Freitagnachmittag. Der Gruppenraum ist leer. Gut, die Möbel stehen noch und in einem Regal finden sich noch Stifte, Farben, Knete und Papier. Ansonsten jedoch sind die ansonsten über und über mit Spielzeug gefüllten Fächer leer. Es ist spielzeugfrei. In der kommenden Woche macht unser Spielzeug Ferien!
Anfangs war es eine einfache Idee. Gehört hatte man schon einmal etwas vom spielzeugfreien Kindergarten. Und irgendwie schienen die Kinder im täglichen Spiel zum einen festgelegt auf in buntes Plastik festgegossene Spielideen. Feuerwehr ist eben Feuerwehr und löscht Feuer. Pferd ist Pferd und dient dem Reiten. Zum anderen gab es ein regelrechtes Spielzeughopping - zwei Minuten jenes Spielzeug, gleich darauf das nächste, dann wieder zurück zum ersten...
Eigentlich aber sollten Kinder doch ganz anders spielen. Vertieft, mit Fantasie, frei in der Interpretation des Spielzeugs. Vielleicht aber lassen wir ein solches Spiel gar nicht zu, wenn wir unseren Kindern schon zu Ende vorgedachtes Spielzeug vor die Nase setzen.
Was also liegt näher, als dieses Spielzeug in die Ferien zu schicken und stattdessen anderes Zeug zum Spielen zur Verfügung zu stellen?! Papprollen, Stoff, Holz, Kartons, Zeitungen, Plastikbecher und -flaschen, Wasser, Sand.
Weil es nicht so ganz sicher scheint, ob das mit dem Spielen ohne Spielzeug klappt, probiert man es sicherheitshalber vorher schon mal aus. Und siehe da, was die Erzieher/innen in Aufregung versetzt (man stellt ja seine eigene Notwendigkeit regelrecht in Frage, wenn die Kinder tatsächlich eigene Ideen entwickeln), ist für die Kinder das großartigste Projekt überhaupt. Aus den ersten Klopapierkernen wird eine Murmelbahn gebaut, der erste Beutel mit Pappresten wird zur Brücke zwischen zwei Regalen.
Nach längerem Planen, Bitten um Materialspenden, Organisieren von ausreichend Personal und Festlegen auf eine passende Woche, ist es nun so weit. Mit den Kindern wurde das Spielzeug in die Ferien verabschiedet. Jedes Kind packte sein Lieblingsspielzeug in die erste Kiste. Und dann ging es ganz schnell. Zwanzig (!) Umzugskartons waren innerhalb einer Stunde mit dem Spielzeug aus zwei Gruppen gefüllt. Und schon der erste Nachmittag ohne Spielzeug sorgt für ganz neue Kreativität. Aus Trinkröhrchen und leeren Flaschen werden Rhytmusinstrumente, Zeitungspapier zu langen Stäben zusammengerollt laden ein zum Balancieren oder eignen sich als Zauberstab. Mal schauen, was in der kommenden Woche noch so alles entsteht an kreativen Ideen mit neuem Zeug zum Spielen.
Anfangs war es eine einfache Idee. Gehört hatte man schon einmal etwas vom spielzeugfreien Kindergarten. Und irgendwie schienen die Kinder im täglichen Spiel zum einen festgelegt auf in buntes Plastik festgegossene Spielideen. Feuerwehr ist eben Feuerwehr und löscht Feuer. Pferd ist Pferd und dient dem Reiten. Zum anderen gab es ein regelrechtes Spielzeughopping - zwei Minuten jenes Spielzeug, gleich darauf das nächste, dann wieder zurück zum ersten...
Eigentlich aber sollten Kinder doch ganz anders spielen. Vertieft, mit Fantasie, frei in der Interpretation des Spielzeugs. Vielleicht aber lassen wir ein solches Spiel gar nicht zu, wenn wir unseren Kindern schon zu Ende vorgedachtes Spielzeug vor die Nase setzen.
Was also liegt näher, als dieses Spielzeug in die Ferien zu schicken und stattdessen anderes Zeug zum Spielen zur Verfügung zu stellen?! Papprollen, Stoff, Holz, Kartons, Zeitungen, Plastikbecher und -flaschen, Wasser, Sand.
Weil es nicht so ganz sicher scheint, ob das mit dem Spielen ohne Spielzeug klappt, probiert man es sicherheitshalber vorher schon mal aus. Und siehe da, was die Erzieher/innen in Aufregung versetzt (man stellt ja seine eigene Notwendigkeit regelrecht in Frage, wenn die Kinder tatsächlich eigene Ideen entwickeln), ist für die Kinder das großartigste Projekt überhaupt. Aus den ersten Klopapierkernen wird eine Murmelbahn gebaut, der erste Beutel mit Pappresten wird zur Brücke zwischen zwei Regalen.
Nach längerem Planen, Bitten um Materialspenden, Organisieren von ausreichend Personal und Festlegen auf eine passende Woche, ist es nun so weit. Mit den Kindern wurde das Spielzeug in die Ferien verabschiedet. Jedes Kind packte sein Lieblingsspielzeug in die erste Kiste. Und dann ging es ganz schnell. Zwanzig (!) Umzugskartons waren innerhalb einer Stunde mit dem Spielzeug aus zwei Gruppen gefüllt. Und schon der erste Nachmittag ohne Spielzeug sorgt für ganz neue Kreativität. Aus Trinkröhrchen und leeren Flaschen werden Rhytmusinstrumente, Zeitungspapier zu langen Stäben zusammengerollt laden ein zum Balancieren oder eignen sich als Zauberstab. Mal schauen, was in der kommenden Woche noch so alles entsteht an kreativen Ideen mit neuem Zeug zum Spielen.
Freitag, 16. Januar 2015
Willkommen in der Märchenbahn
Ich fahre gern mit der Bahn. Auch wenn die Fahrzeit sich gegenüber der Nutzung eines Autos zweifelsohne verdoppelt, bleibt mir so doch morgens eben diese Zeit, um in den Arbeitstag zu finden. Und nachmittags gelingt mit jedem Meter entspannten Heimweges das Gewinnen von Abstand und das Ankommen im Privatleben. Steuerlich und sonst auch kostentechnisch ist die Fahrt mit den Öffentlichen sowieso vorteilhaft.
Vor allem aber erlebe ich in der Bahn, was ich im Auto nie erleben könnte.
Wenn beispielsweise morgens gegen sieben in einer rappelvollen Straßenbahn ein Vater voller Hingabe seinem Kind auf dem Weg in den Kindergarten Märchen erzählt. Jeden Tag ein anderes. Und in einer Sprache irgendwo zwischen Kinderbuch und Ingenieursvortrag. In jedem Fall aber immer ausgeschmückt mit spannenden Details.
Fünfzehn Minuten Fahrt sind es bis zu jener Station, an der wir drei aussteigen. Fünfzehn Minuten die genügen, um ein wundervolles Märchen auf eine großartige Weise zu Ende erzählt zu haben. Fünfzehn Minuten, die einem Kind einen guten und fantasievollen Start in seinen Kindergarten-Tag sichern, die Papa zum Helden machen. Fünfzehn Minuten, die einem Kind die Sicherheit geben, dass es in dieser merkwürdigen Erwachsenenwelt, in der ansonsten morgens scheinbar alle hektisch, muffelig und furchtbar im Stress sind, einen für es allein reservierten Platz gibt.
Und ganz nebenbei verzaubert der so engagiert erzählende Vater noch eine ganze Straßenbahn voller Erwachsener und zieht sie in den Bann der alten Märchen, die doch irgendwie alle kennen. Meist mit Lücken kennen.
Oder wissen Sie noch, wie es dazu kommt, dass Rapunzel von der Zauberin in den Turm gesperrt wird? Seit heute früh weiß ich es wieder.
Es ist wunderbar zu wissen, dass es solche Eltern gibt, die sich so hingebungsvoll dem Wachsen und Werden ihres Kindes widmen. Vielleicht sind es viel mehr, als ich denke. Besonders schön ist es aber zu erleben, dass dieses Kümmern auch dort gelingt, wo andere gemeinsam mit ihren Kindern in Stress geraten. Fast fühlt es sich an, als würde der erzählende Vater sein Kind verteidigen gegen die Unzulänglichkeiten der morgendlichen Erwachsenenwelt. Und fast fühlt es sich wie ein Appell an die Erwachsenenwelt an, sich auf Dinge zu besinnen, die faszinieren und in den Bann ziehen, Dinge eben, die wir alle gemeinsam genießen können. Es scheint gute Gründe dafür zu geben, dass ausgerechnet Märchen die Jahrhunderte überdauert haben.
Vor allem aber erlebe ich in der Bahn, was ich im Auto nie erleben könnte.
Wenn beispielsweise morgens gegen sieben in einer rappelvollen Straßenbahn ein Vater voller Hingabe seinem Kind auf dem Weg in den Kindergarten Märchen erzählt. Jeden Tag ein anderes. Und in einer Sprache irgendwo zwischen Kinderbuch und Ingenieursvortrag. In jedem Fall aber immer ausgeschmückt mit spannenden Details.
Fünfzehn Minuten Fahrt sind es bis zu jener Station, an der wir drei aussteigen. Fünfzehn Minuten die genügen, um ein wundervolles Märchen auf eine großartige Weise zu Ende erzählt zu haben. Fünfzehn Minuten, die einem Kind einen guten und fantasievollen Start in seinen Kindergarten-Tag sichern, die Papa zum Helden machen. Fünfzehn Minuten, die einem Kind die Sicherheit geben, dass es in dieser merkwürdigen Erwachsenenwelt, in der ansonsten morgens scheinbar alle hektisch, muffelig und furchtbar im Stress sind, einen für es allein reservierten Platz gibt.
Und ganz nebenbei verzaubert der so engagiert erzählende Vater noch eine ganze Straßenbahn voller Erwachsener und zieht sie in den Bann der alten Märchen, die doch irgendwie alle kennen. Meist mit Lücken kennen.
Oder wissen Sie noch, wie es dazu kommt, dass Rapunzel von der Zauberin in den Turm gesperrt wird? Seit heute früh weiß ich es wieder.
Es ist wunderbar zu wissen, dass es solche Eltern gibt, die sich so hingebungsvoll dem Wachsen und Werden ihres Kindes widmen. Vielleicht sind es viel mehr, als ich denke. Besonders schön ist es aber zu erleben, dass dieses Kümmern auch dort gelingt, wo andere gemeinsam mit ihren Kindern in Stress geraten. Fast fühlt es sich an, als würde der erzählende Vater sein Kind verteidigen gegen die Unzulänglichkeiten der morgendlichen Erwachsenenwelt. Und fast fühlt es sich wie ein Appell an die Erwachsenenwelt an, sich auf Dinge zu besinnen, die faszinieren und in den Bann ziehen, Dinge eben, die wir alle gemeinsam genießen können. Es scheint gute Gründe dafür zu geben, dass ausgerechnet Märchen die Jahrhunderte überdauert haben.
Dienstag, 6. Januar 2015
Inklusion? Abbuzze.
Ja, die Überschrift ist drastisch formuliert. Ab und an muss man aber auch mal polemisch werden dürfen. Gerade wenn der zweite Arbeitstag im neuen Jahr mit einer (zugegebenermaßen erwartbaren) Desillusionierung einher geht. Polemisierung des Bauchgefühls wegen also einerseits. Andererseits gibt die Kita-Praxis in Sachen Umgang mit normabweichenden Kindern aber auch wirklich Grund zur Verzweiflung.
Zuallererst für die betroffenen Kinder (der Begriff normabweichend findet gleich eine weitere Ausführung), zudem aber auch für all jene, die darauf setzen, daran glauben oder die zumindest hoffen, dass es so etwas wie eine "mitnehmende Alltagsrealität" für Kinder gibt, die aufgrund irgendeiner Entwicklungseinschränkung, einer körperlichen, geistigen oder sozialen Behinderung oder einfach aufgrund sich vom Mainstream unterscheidender Familien- und Erziehungssettings den Normanaforderungen nicht entsprechen. Von Inklusion mag ich bewusst noch gar nicht sprechen oder schreiben.
Normal und Norm - das sind zwei Begriffe, deren Bedeutung in der Realität von Kita eine unerkannt große Bedeutung haben. Und zwar in zweierlei Hinsicht. Zum einen scheint es eine Art Normaltakt im Alltagsschwingen einer Kita zu geben. Alles geht einen irgendwie genormten Gang, vieles ist über Jahre eingespielt und wenig, wirklich sehr wenig, scheint im täglichen Miteinander von Kindern und Erzieher_innen tatsächlich bedürfnisgerecht ausgehandelt zu werden. In diesen Normaltakt sollten sich Akteure in der Kita - seien es Kinder, Erzieher_innen, Eltern oder Unterstützungsstrukturen - möglichst einfügen. Nicht dass dies ein Naturgesetz wäre, systemisch zu erklären ist es aber sicher.
Die zweite Dimension von Norm bzw. Normalität betrifft die Entwicklung des einzelnen Kindes. Da scheint relativ klar, welcher Entwicklungsstand, welches Verhalten und welcher alltägliche Unterstützungsbedarf "normal" ist. Unterscheidet sich ein Kind nun von solcher Norm, gerät es zum einen potentiell in den zweifelhaften Genuss einer Einzelförderung. Eine solche Einzelförderung bietet betriebswirtschaftliches Potential, bedeutet sie unterm Strich doch eine Möglichkeit zur Anstellung zusätzlichen Personals. In Summe stehen einer Kita dann schnell ein oder zwei Sozialpädagog_innen-Stellen zusätzlich zu den Erzieher_innen-Stellen zur Verfügung. Und Personal das man einmal im Haus hat,...
Zum anderen sorgt dieses Kind im Gruppenkontext für einen real höheren Betreuungsaufwand, braucht vielleicht mehr Zuwendung, besondere Unterstützung bei bestimmten Handlungen oder besondere Rahmenbedingungen für eine gelingende Entwicklung.
Faktisch gäbe es eine recht einfache Möglichkeit des Umgangs mit alledem: man überlege sich, wie der Gruppenalltag in einer Kita so organisiert werden kann, dass alle Kinder darin ihren Platz finden, alle damit zurecht kommen und allen Anforderungen gerecht wird. Man muss das gar nicht Inklusion nennen, um sich schnell darüber klar zu werden, dass bei einem solchen Umdenken die erste Dimension von Normalität in einer Kita intensiv betroffen wäre, der Normaltakt. Der nämlich wäre auf einmal schneller, langsamer, vielfältiger, vielleicht unregelmäßig. Und das scheint gar nicht zu gehen. Nicht in einer eingespielten Kita, in der alle schon immer wissen, wie sie es machen müssen, damit es läuft.
Es? Dieses "es" braucht offenbar für das Funktionieren einer Kita keiner weiteren Konkretisierung. Vielleicht ist dieses "es" tatsächlich jener kleinste gemeinsame Nenner, der eine Kita, ein pädagogisches Team, den Sozialraum Kita überhaupt zusammenhält. "Es" wird von jeder und jedem individuell interpretiert. Und nur selten schaut man nach den "es" in der Interpretation der anderen.
Das mag nun alles klingen wie ein Frustausbruch eines an eine Grenze gestoßenen Erziehers. Ist es aber nicht. Denn tatsächlich lässt sich in der Kita-Praxis messen, wie oft es um wessen Interessen geht und welche Handlungen auf transparenten Vereinbarungen zwischen verschiedenen Akteur_innen beruhen. Kurzum, es ist messbar, wie oft und wie intensiv es um die Interessen des einzelnen Kindes geht und es ist ebenso messbar, welche Alltagsrealitäten in einer Kita auf nachvollziehbar ausgehandelten und somit transparenten Vereinbarungen beruhen und wie stark demgegenüber die Bedeutung informeller Hierarchien und Regelwerke ist.
Um das von einer "Normabweichung" (wahrlich ein problematisches Wort - aber mir geht es hier ja um ein Problem, ein recht großes sogar wie mir scheint) betroffene Kind wieder in den Blick zu nehmen: seine Interessen und besonderen Bedarfe stehen in der Alltagsrealität der nicht inklusiven Kita weit hinten. Demgegenüber stehen die Interessen und Bedarfe des Personals und des Personalmanagements ziemlich weit vorn. Mir scheint es gerechtfertigt, ob dieser Wahrnehmung nicht von Frustration, sondern vielmehr von einem Problem zu sprechen.
Offenbar gibt es in der Logik, dass Kinder mit besonderem Förderbedarf vordergründig ein Mehr an personeller Zuwendung - also eine irgendwie zu beziffernde Arbeitszeitleistung einer Fachkraft - benötigten, einen Haken: die Praxis. All zu oft frisst die scheinbar jeden Effekt dieses Mehrs auf. Macht es da nicht Sinn, über Alternativen nachzudenken? Darüber vielleicht, was es im Kern ist, das Kinder wirklich benötigen und darüber, was ein System wie eine Kita braucht, um dem gerecht zu werden? Vielleicht braucht es ja des Nachdenkens und Infragestellens von Normalitätsvorstellungen? Und vielleicht braucht es mit Blick auf konkrete Handlungsmöglichkeiten eines Blicks, auf das, was das Miteinander von Menschen im Wesentlichen ausmacht, die Interaktion.
Das Mitdenken und Mitnehmen aller, zum Beispiel auch im Kontext von früher Bildung, braucht das Überwinden von Normalitätsvorstellungen und es braucht eine inklusive Gestaltung von Interaktion, eine mitdenkende und mitnehmende Interaktion zwischen allen Akteuren. Solange wir nicht einmal in die Nähe solcher Praktiken kommen, betreiben wir maximal das Hereinholen Einzelner in starre normverliebte Systeme, keinesfalls aber das, was eigentlich gemeint ist mit dem Begriff Inklusion.
Zuallererst für die betroffenen Kinder (der Begriff normabweichend findet gleich eine weitere Ausführung), zudem aber auch für all jene, die darauf setzen, daran glauben oder die zumindest hoffen, dass es so etwas wie eine "mitnehmende Alltagsrealität" für Kinder gibt, die aufgrund irgendeiner Entwicklungseinschränkung, einer körperlichen, geistigen oder sozialen Behinderung oder einfach aufgrund sich vom Mainstream unterscheidender Familien- und Erziehungssettings den Normanaforderungen nicht entsprechen. Von Inklusion mag ich bewusst noch gar nicht sprechen oder schreiben.
Normal und Norm - das sind zwei Begriffe, deren Bedeutung in der Realität von Kita eine unerkannt große Bedeutung haben. Und zwar in zweierlei Hinsicht. Zum einen scheint es eine Art Normaltakt im Alltagsschwingen einer Kita zu geben. Alles geht einen irgendwie genormten Gang, vieles ist über Jahre eingespielt und wenig, wirklich sehr wenig, scheint im täglichen Miteinander von Kindern und Erzieher_innen tatsächlich bedürfnisgerecht ausgehandelt zu werden. In diesen Normaltakt sollten sich Akteure in der Kita - seien es Kinder, Erzieher_innen, Eltern oder Unterstützungsstrukturen - möglichst einfügen. Nicht dass dies ein Naturgesetz wäre, systemisch zu erklären ist es aber sicher.
Die zweite Dimension von Norm bzw. Normalität betrifft die Entwicklung des einzelnen Kindes. Da scheint relativ klar, welcher Entwicklungsstand, welches Verhalten und welcher alltägliche Unterstützungsbedarf "normal" ist. Unterscheidet sich ein Kind nun von solcher Norm, gerät es zum einen potentiell in den zweifelhaften Genuss einer Einzelförderung. Eine solche Einzelförderung bietet betriebswirtschaftliches Potential, bedeutet sie unterm Strich doch eine Möglichkeit zur Anstellung zusätzlichen Personals. In Summe stehen einer Kita dann schnell ein oder zwei Sozialpädagog_innen-Stellen zusätzlich zu den Erzieher_innen-Stellen zur Verfügung. Und Personal das man einmal im Haus hat,...
Zum anderen sorgt dieses Kind im Gruppenkontext für einen real höheren Betreuungsaufwand, braucht vielleicht mehr Zuwendung, besondere Unterstützung bei bestimmten Handlungen oder besondere Rahmenbedingungen für eine gelingende Entwicklung.
Faktisch gäbe es eine recht einfache Möglichkeit des Umgangs mit alledem: man überlege sich, wie der Gruppenalltag in einer Kita so organisiert werden kann, dass alle Kinder darin ihren Platz finden, alle damit zurecht kommen und allen Anforderungen gerecht wird. Man muss das gar nicht Inklusion nennen, um sich schnell darüber klar zu werden, dass bei einem solchen Umdenken die erste Dimension von Normalität in einer Kita intensiv betroffen wäre, der Normaltakt. Der nämlich wäre auf einmal schneller, langsamer, vielfältiger, vielleicht unregelmäßig. Und das scheint gar nicht zu gehen. Nicht in einer eingespielten Kita, in der alle schon immer wissen, wie sie es machen müssen, damit es läuft.
Es? Dieses "es" braucht offenbar für das Funktionieren einer Kita keiner weiteren Konkretisierung. Vielleicht ist dieses "es" tatsächlich jener kleinste gemeinsame Nenner, der eine Kita, ein pädagogisches Team, den Sozialraum Kita überhaupt zusammenhält. "Es" wird von jeder und jedem individuell interpretiert. Und nur selten schaut man nach den "es" in der Interpretation der anderen.
Das mag nun alles klingen wie ein Frustausbruch eines an eine Grenze gestoßenen Erziehers. Ist es aber nicht. Denn tatsächlich lässt sich in der Kita-Praxis messen, wie oft es um wessen Interessen geht und welche Handlungen auf transparenten Vereinbarungen zwischen verschiedenen Akteur_innen beruhen. Kurzum, es ist messbar, wie oft und wie intensiv es um die Interessen des einzelnen Kindes geht und es ist ebenso messbar, welche Alltagsrealitäten in einer Kita auf nachvollziehbar ausgehandelten und somit transparenten Vereinbarungen beruhen und wie stark demgegenüber die Bedeutung informeller Hierarchien und Regelwerke ist.
Um das von einer "Normabweichung" (wahrlich ein problematisches Wort - aber mir geht es hier ja um ein Problem, ein recht großes sogar wie mir scheint) betroffene Kind wieder in den Blick zu nehmen: seine Interessen und besonderen Bedarfe stehen in der Alltagsrealität der nicht inklusiven Kita weit hinten. Demgegenüber stehen die Interessen und Bedarfe des Personals und des Personalmanagements ziemlich weit vorn. Mir scheint es gerechtfertigt, ob dieser Wahrnehmung nicht von Frustration, sondern vielmehr von einem Problem zu sprechen.
Offenbar gibt es in der Logik, dass Kinder mit besonderem Förderbedarf vordergründig ein Mehr an personeller Zuwendung - also eine irgendwie zu beziffernde Arbeitszeitleistung einer Fachkraft - benötigten, einen Haken: die Praxis. All zu oft frisst die scheinbar jeden Effekt dieses Mehrs auf. Macht es da nicht Sinn, über Alternativen nachzudenken? Darüber vielleicht, was es im Kern ist, das Kinder wirklich benötigen und darüber, was ein System wie eine Kita braucht, um dem gerecht zu werden? Vielleicht braucht es ja des Nachdenkens und Infragestellens von Normalitätsvorstellungen? Und vielleicht braucht es mit Blick auf konkrete Handlungsmöglichkeiten eines Blicks, auf das, was das Miteinander von Menschen im Wesentlichen ausmacht, die Interaktion.
Das Mitdenken und Mitnehmen aller, zum Beispiel auch im Kontext von früher Bildung, braucht das Überwinden von Normalitätsvorstellungen und es braucht eine inklusive Gestaltung von Interaktion, eine mitdenkende und mitnehmende Interaktion zwischen allen Akteuren. Solange wir nicht einmal in die Nähe solcher Praktiken kommen, betreiben wir maximal das Hereinholen Einzelner in starre normverliebte Systeme, keinesfalls aber das, was eigentlich gemeint ist mit dem Begriff Inklusion.
Samstag, 20. Dezember 2014
Praktikanten, Praktikanten
"Es ist doch immer wieder schön, wenn wir die Freunde kommen sehen. Schön ist es ferner, wenn sie bleiben und sich mit uns die Zeit vertreiben. [...] (W. Busch)"
Eigentlich wäre es natürlich schöner, wenn die Praktikanten blieben. Sie nämlich sind eine verlässliche personelle Größe in der Kita, in der die Kolleginnen zur Kompensation von urlaubs-, krankheits- und fortbildungsbedingten Ausfällen zwischen den Gruppen hin- und her zu springen scheinen.
Allerdings gibt es eben verschiedene Praktikanten. Gerade beispielsweise sind zwei Wochen vorbeigegangen, in denen ein Schülerpraktikum die Kita heimsuchte. Im wahrsten Sinne des Wortes. Zwei andere Praktikanten sind über einen Zeitraum von zehn Wochen jeweils Freitag präsent. Die beiden wiederum sind in Person ein Geschenk - übrigens gleichermaßen für die Kinder wie für die Erzieher/innen. Allerdings ist die eintägige Präsenz je Woche ein echter Unruhefaktor bei den Kindern. Demnächst kommt ein angehender Kinderpfleger, später wohl Erzieher, für vier zusammenhängende Wochen. Und das erste Gespräch war vielversprechend!
All den Praktika ist eines gemeinsam: Seit ich als Erzieher in dieser Kita arbeite, kommen alle männlichen Praktikanten sozusagen automatisch zu mir. Die "Idee" dahinter scheint mir klar, allein ist sie für mich nicht schlüssig. Sollten Praktikant/innen nicht möglichst bei jenen Kolleg/innen tätig werden, die eine große Berufserfahrung haben. Oder ist es für einen künftigen Erzieher besonders wichtig zu erfahren, wie sich ein Mann so in der Berufspraxis fühlt? Jedenfalls wird den Praktikanten damit die Möglichkeit verwehrt, mit den Vertreterinnen des Geschlechts zu arbeiten, das wesentlich die Alltagswelt der Kita bestimmt. Und zugleich wird das Plädoyer für eine männliche Parallelwelt im Alltag der frühkindlichen Bildung formuliert...
Nicht dass es schlimm wäre, wenn ein Praktikant auf einen Erzieher trifft. Nur dass es zum Automatismus wird, irritiert.
Manchmal.
Eigentlich wäre es natürlich schöner, wenn die Praktikanten blieben. Sie nämlich sind eine verlässliche personelle Größe in der Kita, in der die Kolleginnen zur Kompensation von urlaubs-, krankheits- und fortbildungsbedingten Ausfällen zwischen den Gruppen hin- und her zu springen scheinen.
Allerdings gibt es eben verschiedene Praktikanten. Gerade beispielsweise sind zwei Wochen vorbeigegangen, in denen ein Schülerpraktikum die Kita heimsuchte. Im wahrsten Sinne des Wortes. Zwei andere Praktikanten sind über einen Zeitraum von zehn Wochen jeweils Freitag präsent. Die beiden wiederum sind in Person ein Geschenk - übrigens gleichermaßen für die Kinder wie für die Erzieher/innen. Allerdings ist die eintägige Präsenz je Woche ein echter Unruhefaktor bei den Kindern. Demnächst kommt ein angehender Kinderpfleger, später wohl Erzieher, für vier zusammenhängende Wochen. Und das erste Gespräch war vielversprechend!
All den Praktika ist eines gemeinsam: Seit ich als Erzieher in dieser Kita arbeite, kommen alle männlichen Praktikanten sozusagen automatisch zu mir. Die "Idee" dahinter scheint mir klar, allein ist sie für mich nicht schlüssig. Sollten Praktikant/innen nicht möglichst bei jenen Kolleg/innen tätig werden, die eine große Berufserfahrung haben. Oder ist es für einen künftigen Erzieher besonders wichtig zu erfahren, wie sich ein Mann so in der Berufspraxis fühlt? Jedenfalls wird den Praktikanten damit die Möglichkeit verwehrt, mit den Vertreterinnen des Geschlechts zu arbeiten, das wesentlich die Alltagswelt der Kita bestimmt. Und zugleich wird das Plädoyer für eine männliche Parallelwelt im Alltag der frühkindlichen Bildung formuliert...
Nicht dass es schlimm wäre, wenn ein Praktikant auf einen Erzieher trifft. Nur dass es zum Automatismus wird, irritiert.
Manchmal.
Dienstag, 18. November 2014
Ein Mann in der Kita verändert den Sprachgebrauch... nicht.
Ein Schmunzeln muss erlaubt sein. Vor allem dann, wenn man als Mann in einer Frauendomäne wie der Kita erlebt, wie Frauen unter dem Aspekt Geschlechtergerechtigkeit mit Sprache umgehen. Schmunzelnd nehme ich das deshalb zur Kenntnis, weil ich mir schon so oft anhören durfte, wie stark doch Männer die Wirkungsmacht über Sprachgebräuche in allen Teilen der Gesellschaft an sich gerissen hätten und wie sehr Frauen darum kämpfen müssten, in Sprache überhaupt stattzufinden.
Dass ich mich zu diesem Thema mit gutem Gewissen überhaupt und dann auch noch unter Gebrauch des Wortes "Schmunzeln" äußere, hat einfach damit zu tun, dass ich mich zu den Männern zähle, denen das Thema Gender(-sensibilität, -gerechtigkeit, -konstruktion) als wichtig erscheint. Entsprechend habe ich mich in der Vergangenheit durchaus kritisch und selbstkritisch damit auseinander gesetzt.
Nun bewege ich mich in einem bislang ausschließlich von Frauen konstruierten und verantworteten Sozialraum - einer (qua Einrichtungstyp sowieso schon als weiblich konnotiert geltenden) Kita mit mehr als dreißig Kolleginnen und bislang keinem Mann im Team - einer Komfortzone also für weibliche Selbstbehauptung und von Männern fast unbeeinflusst. Hier könnten sich Frauen in gewaltfreier Kommunikation, in geschlechtergerechtem Sprachgebrauch, in direktem ehrlichem und hierarchiefreiem Miteinander üben. Niemand würde es als Sozialarbeitergedöhns und Emanzentum abtun, kein Mann müsste überzeugt werden, niemand würde das belächeln. Männer die sich in das so gestaltete Miteinander begäben, wären nahezu selbstverständlich dazu angehalten, sich als hinzukommende Minderheit anzupassen, sich des weiblichen Kommunikationsgebahrens anzunehmen.
Allein die Praxis schreibt andere Geschichten und kennt andere Realitäten. Da sitze ich als einziger Mann. Und ich wähne mich irritiert kurzzeitig in einem eigentlich längst von Männern übernommenem Berufsfeld. Die Erzieher tun dies, sie müssen jenes verantworten. Ach ja, und gut ist es, wenn dann der Erzieher in bestimmten Situationen Unterstützung von einem Mann erhält... Ähm..., hm?!.!?
Nun ja also... DIE ERZIEHERIN scheint es in der Sprachrealität der Frauendomäne Kita - zumindest hier - nicht zu geben. Oder zumindest nur als Randerscheinung.
Nicht dass ich jetzt beginnen müsste, den Frauen diese Tatsache bewusst zu machen. Da müssen sie schon selbst drauf kommen. Schließlich entbehrt es jeder Logik, wenn Erzieher nicht gut Väterarbeit initiieren können, weil eben Erzieher viel näher an den Vätern dran sind. Oder dass es gut ist, wenn ein Erzieher im Hause arbeitet, weil es manchmal ganz gut ist, dass die Jungen jetzt ein lebendes Erwachsenenexemplar ihres Geschlechts alltäglich erleben können, was sie ja nicht können, wenn in der Kita nur Erzieher arbeiten. You know? Ja, an der einen oder anderen stelle wäre die Existenz der ERZIEHERIN auch in der Sprachwirklichkeit schon hilfreich.
Okay, ich treib's auf die Spitze. Und ja, ich tue es mit ein kleinwenig Sarkasmus und auch mit ein wenig Genugtuung. Irgendwann brauche ich auch einmal den ehrlichen Ausgleich dafür, dass ich als interessierter und sensibilisierter Mann von den sprachgewaltigen Feministinnen stellvertretend für mein Geschlecht immer die Verbalprügel einstecken musste. In den Diskussionsrunden war ich zumeist der einzige Mann und von daher wohl prädestiniert als Empfänger der Botschaft an das von mir nun mal vertretenen Geschlecht. Jetzt kann ich "zurückschlagen". Indem ich mich zurücklehne und - schmunzelnd - beobachte, was die Frauen denn so tun und reden, wenn sie unter sich sind und dafür auch noch selbst die Verantwortung tragen.
Dass ich mich zu diesem Thema mit gutem Gewissen überhaupt und dann auch noch unter Gebrauch des Wortes "Schmunzeln" äußere, hat einfach damit zu tun, dass ich mich zu den Männern zähle, denen das Thema Gender(-sensibilität, -gerechtigkeit, -konstruktion) als wichtig erscheint. Entsprechend habe ich mich in der Vergangenheit durchaus kritisch und selbstkritisch damit auseinander gesetzt.
Nun bewege ich mich in einem bislang ausschließlich von Frauen konstruierten und verantworteten Sozialraum - einer (qua Einrichtungstyp sowieso schon als weiblich konnotiert geltenden) Kita mit mehr als dreißig Kolleginnen und bislang keinem Mann im Team - einer Komfortzone also für weibliche Selbstbehauptung und von Männern fast unbeeinflusst. Hier könnten sich Frauen in gewaltfreier Kommunikation, in geschlechtergerechtem Sprachgebrauch, in direktem ehrlichem und hierarchiefreiem Miteinander üben. Niemand würde es als Sozialarbeitergedöhns und Emanzentum abtun, kein Mann müsste überzeugt werden, niemand würde das belächeln. Männer die sich in das so gestaltete Miteinander begäben, wären nahezu selbstverständlich dazu angehalten, sich als hinzukommende Minderheit anzupassen, sich des weiblichen Kommunikationsgebahrens anzunehmen.
Allein die Praxis schreibt andere Geschichten und kennt andere Realitäten. Da sitze ich als einziger Mann. Und ich wähne mich irritiert kurzzeitig in einem eigentlich längst von Männern übernommenem Berufsfeld. Die Erzieher tun dies, sie müssen jenes verantworten. Ach ja, und gut ist es, wenn dann der Erzieher in bestimmten Situationen Unterstützung von einem Mann erhält... Ähm..., hm?!.!?
Nun ja also... DIE ERZIEHERIN scheint es in der Sprachrealität der Frauendomäne Kita - zumindest hier - nicht zu geben. Oder zumindest nur als Randerscheinung.
Nicht dass ich jetzt beginnen müsste, den Frauen diese Tatsache bewusst zu machen. Da müssen sie schon selbst drauf kommen. Schließlich entbehrt es jeder Logik, wenn Erzieher nicht gut Väterarbeit initiieren können, weil eben Erzieher viel näher an den Vätern dran sind. Oder dass es gut ist, wenn ein Erzieher im Hause arbeitet, weil es manchmal ganz gut ist, dass die Jungen jetzt ein lebendes Erwachsenenexemplar ihres Geschlechts alltäglich erleben können, was sie ja nicht können, wenn in der Kita nur Erzieher arbeiten. You know? Ja, an der einen oder anderen stelle wäre die Existenz der ERZIEHERIN auch in der Sprachwirklichkeit schon hilfreich.
Okay, ich treib's auf die Spitze. Und ja, ich tue es mit ein kleinwenig Sarkasmus und auch mit ein wenig Genugtuung. Irgendwann brauche ich auch einmal den ehrlichen Ausgleich dafür, dass ich als interessierter und sensibilisierter Mann von den sprachgewaltigen Feministinnen stellvertretend für mein Geschlecht immer die Verbalprügel einstecken musste. In den Diskussionsrunden war ich zumeist der einzige Mann und von daher wohl prädestiniert als Empfänger der Botschaft an das von mir nun mal vertretenen Geschlecht. Jetzt kann ich "zurückschlagen". Indem ich mich zurücklehne und - schmunzelnd - beobachte, was die Frauen denn so tun und reden, wenn sie unter sich sind und dafür auch noch selbst die Verantwortung tragen.
Montag, 17. November 2014
Generalverdacht
Was wurde nicht schon alles zum Thema "Generalverdacht" im Zusammenhang mit Männern in Kitas geschrieben. Es gab gleich zu Beginn des Bundesprogramms "MEHR Männer in Kitas", genau genommen sogar schon davor, den Hinweis, dass man einen Umgang mit eben jenem Generalverdacht finden müsse.
Muss man auch! Es sollte wohl in jeder Einrichtung Ideen dazu geben, wie man umgeht mit Situationen, in denen Erzieherinnen oder Erzieher in Verdacht geraten, sich unangemessen gegenüber Kindern verhalten zu haben. Und im besten aller Fälle ist eine solche Ideensammlung schriftlich festgehalten. Schnell gerät man sonst in unüberlegtes Handeln, wenn ein Vorwurf im Raume steht.
Was aber für gewöhnlich mit dem Begriff Generalverdacht verbunden ist, ist doch die generelle Unterstellung, ein Mensch sei ob eines Merkmals wie Geschlecht oder Herkunft oder Berufszugang besonders anfällig für unangemessenes Verhalten.
Die Unterstellung also, Männer seien potentiell gefährdet, in Ausübung des Erzieherberufs gegenüber den Kindern sexuell übergriffig zu werden, wäre ein solcher Generalverdacht. Und der Generalverdacht des sexuellen Missbrauchs begleitete alle Bemühungen, mehr Männer in die Kitas zu holen.
Allerdings fand diese Begleitung zumeist auf einer merkwürdig abstrakten Ebene statt. So diskutierten Träger und Einrichtungsleitungen darüber, wie man mit dem Generalverdacht umgehen könnte. Oder männliche Erzieher formulierten ihre eigene Vorsicht im Umgang mit Kindern, weil es ja sein könnte, dass Eltern Übergriffigkeiten generell unterstellten. Oder Erzieherinnen etablierten sozusagen präventiv bestimmte Verhaltensregeln, die ihre männlichen Kollegen zu beachten hätten (etwa dass Männer nur bei geöffneter Badtür Kinder wickeln dürften). Dass Eltern jenseits eines konkreten Verdachts männliche Erzieher ablehnen, ist daher kaum überliefert.
Und dennoch schwebte das Thema Generalverdacht auch irgendwie über meinem Weg in die Kita. Kollegen fragten nach, Literatur wurde gereicht, Hinweise wurden gegeben. Nach fast vier Monaten in der Kita weiß ich aber zu berichten, dass ich nicht ein einziges mal mit einer generellen Verdächtigung konfrontiert war - nicht durch die über dreißig Kolleginnen, nicht durch Eltern, nicht durch den Träger. Ich bin Erzieher, wie es die Erzieherinnen auch sind. Vielleicht bin ich manchmal strenger oder weniger streng als die Kolleginnen, manchmal lauter oder leiser, manches mal mehr oder weniger als die Kolleginnen für Kuscheln, Trösten oder Beruhigen verantwortlich. Aber keinesfalls habe ich je gespürt, gehört oder sonst irgendwie erfahren, dass ich weil ich ein Mann bin unter besonderer Observation oder unter einem Vorbehalt stand. Nach ein paar Monaten in der Praxis traut man sich, Kolleginnen oder Eltern auch einmal direkt nach ihrer Wahrnehmung zu befragen. Ich fand dabei Bestätigung für meine Wahrnehmung.
Fragt sich für mich also, ob wir mit dem so sehr lauten Nachdenken über das Thema Generalverdacht nicht den einen oder anderen Erzieher bzw. Sozialpädagogen davon abhalten, in einer Kita zu arbeiten. Vielleicht ist die Praxis viel weniger mit dem Problem aufgeladen, als man es sich in der Theorie ausmalt? Und vielleicht müssen wir einfach lernen, auch dieses Thema zu entdramatisieren. In Sachen Gender (ganz allgemein) gelingt das mittlerweile doch auch schon ganz gut.
Muss man auch! Es sollte wohl in jeder Einrichtung Ideen dazu geben, wie man umgeht mit Situationen, in denen Erzieherinnen oder Erzieher in Verdacht geraten, sich unangemessen gegenüber Kindern verhalten zu haben. Und im besten aller Fälle ist eine solche Ideensammlung schriftlich festgehalten. Schnell gerät man sonst in unüberlegtes Handeln, wenn ein Vorwurf im Raume steht.
Was aber für gewöhnlich mit dem Begriff Generalverdacht verbunden ist, ist doch die generelle Unterstellung, ein Mensch sei ob eines Merkmals wie Geschlecht oder Herkunft oder Berufszugang besonders anfällig für unangemessenes Verhalten.
Die Unterstellung also, Männer seien potentiell gefährdet, in Ausübung des Erzieherberufs gegenüber den Kindern sexuell übergriffig zu werden, wäre ein solcher Generalverdacht. Und der Generalverdacht des sexuellen Missbrauchs begleitete alle Bemühungen, mehr Männer in die Kitas zu holen.
Allerdings fand diese Begleitung zumeist auf einer merkwürdig abstrakten Ebene statt. So diskutierten Träger und Einrichtungsleitungen darüber, wie man mit dem Generalverdacht umgehen könnte. Oder männliche Erzieher formulierten ihre eigene Vorsicht im Umgang mit Kindern, weil es ja sein könnte, dass Eltern Übergriffigkeiten generell unterstellten. Oder Erzieherinnen etablierten sozusagen präventiv bestimmte Verhaltensregeln, die ihre männlichen Kollegen zu beachten hätten (etwa dass Männer nur bei geöffneter Badtür Kinder wickeln dürften). Dass Eltern jenseits eines konkreten Verdachts männliche Erzieher ablehnen, ist daher kaum überliefert.
Und dennoch schwebte das Thema Generalverdacht auch irgendwie über meinem Weg in die Kita. Kollegen fragten nach, Literatur wurde gereicht, Hinweise wurden gegeben. Nach fast vier Monaten in der Kita weiß ich aber zu berichten, dass ich nicht ein einziges mal mit einer generellen Verdächtigung konfrontiert war - nicht durch die über dreißig Kolleginnen, nicht durch Eltern, nicht durch den Träger. Ich bin Erzieher, wie es die Erzieherinnen auch sind. Vielleicht bin ich manchmal strenger oder weniger streng als die Kolleginnen, manchmal lauter oder leiser, manches mal mehr oder weniger als die Kolleginnen für Kuscheln, Trösten oder Beruhigen verantwortlich. Aber keinesfalls habe ich je gespürt, gehört oder sonst irgendwie erfahren, dass ich weil ich ein Mann bin unter besonderer Observation oder unter einem Vorbehalt stand. Nach ein paar Monaten in der Praxis traut man sich, Kolleginnen oder Eltern auch einmal direkt nach ihrer Wahrnehmung zu befragen. Ich fand dabei Bestätigung für meine Wahrnehmung.
Fragt sich für mich also, ob wir mit dem so sehr lauten Nachdenken über das Thema Generalverdacht nicht den einen oder anderen Erzieher bzw. Sozialpädagogen davon abhalten, in einer Kita zu arbeiten. Vielleicht ist die Praxis viel weniger mit dem Problem aufgeladen, als man es sich in der Theorie ausmalt? Und vielleicht müssen wir einfach lernen, auch dieses Thema zu entdramatisieren. In Sachen Gender (ganz allgemein) gelingt das mittlerweile doch auch schon ganz gut.
Freitag, 14. November 2014
Forschungsprojekt Freigelände
Eine kleine Auszeit aus der Routine des Kita-Alltags lenkt den Blick auch wieder auf ein notwendiges Forschungsvorhaben für die im kommenden Jahr anstehende Master Thesis. Und sie gibt die Möglichkeit des hektikfreien Weiterdenkens und Nachfragens.
Und so zeichnet sich eine Präferenz bei der Bearbeitung eines Themas ab, das in meinem Berufsalltag ebenso stattfindet wie in der Schwerpunktbearbeitung innerhalb des Masterstudiums. Nachdem es in der Setzung und Durchsetzung von Regeln im Freigelände der Kita in den vergangenen Wochen einige Bewegung gab (das wäre bzw. ist wohl einen extra Post wert), muss ich einfach untersuchen, inwieweit solche Regelungen die Aneignung des Freigeländes als sozialen Bewegungsraum der Kinder beeinflusst.
Spannend scheint mir eine solche Beforschung vor allem, weil ich davon ausgehe, dass Kinder im Kindergartenalter sehr wohl in der Lage sind, sich jenseits des bestehenden Regelwerks Freiräume zu erstreiten bzw. Freiräume einfach in Besitz zu nehmen. Und vielleicht trägt eine starke Reglementierung sogar dazu bei, dass die Kreativität der Kinder im Entwickeln eigener Strategien zur Sozialraumkonstitution gefördert werden. Schließlich geht es in einem stark reglementierten Raum nicht mehr nur darum, sich einzurichten, sondern zusätzlich auch darum, das Gewollte ebenso wie das Erreichte zu verteidigen.
In einigen Wochen wird es eine Kinderkonferenz zum Thema Regeln im Freigelände geben. Im Vorfeld sollen in den Gruppen bereits Ideen entwickelt werden. Vor einiger Zeit wurde in Vorbereitung auf diese Kinderkonferenz und vielleicht ja auch in Reaktion auf die Thematisierung des Gartenregelwerks ein Regelwerk für das Freigelände in der Teamberatung verkündet. Scheinbar gab es Handlungsbedarf, der wiederum jedoch nicht so groß war, dass es einer Diskussion im Team gebraucht hätte. Oder die Furcht vor der potentiell ausbrechenden Anarchie mit frei in verschiedene Richtungen schaukelnden Kindern usw. war zu groß.
Jedenfalls scheint mir das Thema sehr spannend und ich hoffe sehr darauf, dass mir die Beobachtung und Befragung der Kinder erlaubt wird. Bestenfalls wäre für eine fundierte Forschung die Beobachtung in einer anderen Einrichtung hilfreich. Mal schauen, was sich da tun lässt.
Freie Tage - zumal wenn sie im Bett verbracht werden (müssen) - regen doch stark die Fähigkeit des abstrakten Denkens an. Und sorgen für mehr Bewegung, als anfänglich vermutet.
Und so zeichnet sich eine Präferenz bei der Bearbeitung eines Themas ab, das in meinem Berufsalltag ebenso stattfindet wie in der Schwerpunktbearbeitung innerhalb des Masterstudiums. Nachdem es in der Setzung und Durchsetzung von Regeln im Freigelände der Kita in den vergangenen Wochen einige Bewegung gab (das wäre bzw. ist wohl einen extra Post wert), muss ich einfach untersuchen, inwieweit solche Regelungen die Aneignung des Freigeländes als sozialen Bewegungsraum der Kinder beeinflusst.
Spannend scheint mir eine solche Beforschung vor allem, weil ich davon ausgehe, dass Kinder im Kindergartenalter sehr wohl in der Lage sind, sich jenseits des bestehenden Regelwerks Freiräume zu erstreiten bzw. Freiräume einfach in Besitz zu nehmen. Und vielleicht trägt eine starke Reglementierung sogar dazu bei, dass die Kreativität der Kinder im Entwickeln eigener Strategien zur Sozialraumkonstitution gefördert werden. Schließlich geht es in einem stark reglementierten Raum nicht mehr nur darum, sich einzurichten, sondern zusätzlich auch darum, das Gewollte ebenso wie das Erreichte zu verteidigen.
In einigen Wochen wird es eine Kinderkonferenz zum Thema Regeln im Freigelände geben. Im Vorfeld sollen in den Gruppen bereits Ideen entwickelt werden. Vor einiger Zeit wurde in Vorbereitung auf diese Kinderkonferenz und vielleicht ja auch in Reaktion auf die Thematisierung des Gartenregelwerks ein Regelwerk für das Freigelände in der Teamberatung verkündet. Scheinbar gab es Handlungsbedarf, der wiederum jedoch nicht so groß war, dass es einer Diskussion im Team gebraucht hätte. Oder die Furcht vor der potentiell ausbrechenden Anarchie mit frei in verschiedene Richtungen schaukelnden Kindern usw. war zu groß.
Jedenfalls scheint mir das Thema sehr spannend und ich hoffe sehr darauf, dass mir die Beobachtung und Befragung der Kinder erlaubt wird. Bestenfalls wäre für eine fundierte Forschung die Beobachtung in einer anderen Einrichtung hilfreich. Mal schauen, was sich da tun lässt.
Freie Tage - zumal wenn sie im Bett verbracht werden (müssen) - regen doch stark die Fähigkeit des abstrakten Denkens an. Und sorgen für mehr Bewegung, als anfänglich vermutet.
Mittwoch, 12. November 2014
krank zu sein...
Es braucht nicht viel, um krank zu sein. Gerade in einer Kita im beginnenden Herbst. Husten und laufende Nasen überall...
Um sich so krank zu fühlen, dass man nicht mehr zur Arbeit gehen kann, braucht es da schon mehr. Vor allem mehr Zeit und einen Husten, der beim besten Willen nicht mehr nur ein einfacher Husten ist. Fieber sollte dabei sein und eine Stimme, die vor Heiserkeit nicht mehr zu verstehen ist. Drunter geht nichts.
Nun sitze ich also zu Hause. Nach drei Wochen des Versuchs, eine Erkältung (oder vielleicht waren es auch mehrere nacheinander) mit Hausmittelchen zwischen Feierabend und Arbeitsbeginn wegzukurieren, hat sich das eigene Immunsystem dazu entschieden, in den Warnstreik zu gehen. Eine Bronchitis ist aus der anfangs kleinen Erkältung geworden. Und die bahnt sich nun mit aller Macht ihren Weg und fordert ihren Tribut. Aus der anfänglichen Annahme, man könne die mit der Kranschreibung plötzlich existierende freie Zeit ja dadurch nutzen, dass man Vorbereitungen trifft für die nächste Zeit, Material erarbeitet, Dokumentationen entwickelt, Pläne visioniert, zerschlägt sich bei 38,5° Fieber und irgendwie überall existierender Knochen- und Muskelschwere ganz schnell.
Hätte man nur...! Ja hätte man nur auf die warnenden Stimmen da draußen und auf die eigene innere Stimme gehört, die da alle miteinander gesagt haben, man solle eine Erkältung nicht auf die leichte Schulter nehmen. Wäre man vielleicht etwas vorsichtiger gewesen in der Regenerations- und Freizeit, hätte etwas mehr geschlafen, ein oder zwei Termine abgesagt, wäre vielleicht schon einmal deutlich früher einen Tag zu Hause und im Bett geblieben. Dann wäre man jetzt kein Totalausfall. Und man wäre schon gar nicht überraschend für eine ganze Woche weit weg von seiner Kindergruppe.
Allerdings fragt sich so im Nachhinein, wann man denn hätte einen Gang zurückschalten können. In der Kita gibt es niemanden, der einfach mal so die eigene Gruppe übernimmt, nur weil man mal einen Tag Pause braucht. Erzieherinnen müssen dann aus einer anderen Gruppe herangeholt werden. Auch gibt es in der Situation des vollen Ausreizens knapper Personaldecken kaum eine Kultur des Aufeinander-Achtens im Sinne von "Geh' doch heute mal etwas früher nach Hause und ruhe dich aus."
Stattdessen springt man selbst in die tagtäglich entstehenden Lücken, improvisiert, hilft aus, reduziert, verdoppelt sich gefühlt zwischen Vorbereitung, Aufsicht, Angebotsplanung und -Gestaltung, Dokumentation und Abrechnung. Kein tag, an dem man nicht - zumindest für einen Moment - am Limit ankommt.
Ich bewundere die Kolleginnen, die das offensichtlich seit Jahren und Jahrzehnten so tun und dennoch jeden Tag aufs neue hoch motiviert morgens ihre Kinder erwarten, sich an deren Interessen und Bedarfen orientieren, ihr Bestes geben. Ab nächste Woche bin ich auch wieder dabei. Aber irgendwie muss ich wohl schauen, woher ich die Gelassenheit bekomme, besser auf mich selbst zu achten ohne Angst zu haben, kein ganz so guter Erzieher zu sein.
Um sich so krank zu fühlen, dass man nicht mehr zur Arbeit gehen kann, braucht es da schon mehr. Vor allem mehr Zeit und einen Husten, der beim besten Willen nicht mehr nur ein einfacher Husten ist. Fieber sollte dabei sein und eine Stimme, die vor Heiserkeit nicht mehr zu verstehen ist. Drunter geht nichts.
Nun sitze ich also zu Hause. Nach drei Wochen des Versuchs, eine Erkältung (oder vielleicht waren es auch mehrere nacheinander) mit Hausmittelchen zwischen Feierabend und Arbeitsbeginn wegzukurieren, hat sich das eigene Immunsystem dazu entschieden, in den Warnstreik zu gehen. Eine Bronchitis ist aus der anfangs kleinen Erkältung geworden. Und die bahnt sich nun mit aller Macht ihren Weg und fordert ihren Tribut. Aus der anfänglichen Annahme, man könne die mit der Kranschreibung plötzlich existierende freie Zeit ja dadurch nutzen, dass man Vorbereitungen trifft für die nächste Zeit, Material erarbeitet, Dokumentationen entwickelt, Pläne visioniert, zerschlägt sich bei 38,5° Fieber und irgendwie überall existierender Knochen- und Muskelschwere ganz schnell.
Hätte man nur...! Ja hätte man nur auf die warnenden Stimmen da draußen und auf die eigene innere Stimme gehört, die da alle miteinander gesagt haben, man solle eine Erkältung nicht auf die leichte Schulter nehmen. Wäre man vielleicht etwas vorsichtiger gewesen in der Regenerations- und Freizeit, hätte etwas mehr geschlafen, ein oder zwei Termine abgesagt, wäre vielleicht schon einmal deutlich früher einen Tag zu Hause und im Bett geblieben. Dann wäre man jetzt kein Totalausfall. Und man wäre schon gar nicht überraschend für eine ganze Woche weit weg von seiner Kindergruppe.
Allerdings fragt sich so im Nachhinein, wann man denn hätte einen Gang zurückschalten können. In der Kita gibt es niemanden, der einfach mal so die eigene Gruppe übernimmt, nur weil man mal einen Tag Pause braucht. Erzieherinnen müssen dann aus einer anderen Gruppe herangeholt werden. Auch gibt es in der Situation des vollen Ausreizens knapper Personaldecken kaum eine Kultur des Aufeinander-Achtens im Sinne von "Geh' doch heute mal etwas früher nach Hause und ruhe dich aus."
Stattdessen springt man selbst in die tagtäglich entstehenden Lücken, improvisiert, hilft aus, reduziert, verdoppelt sich gefühlt zwischen Vorbereitung, Aufsicht, Angebotsplanung und -Gestaltung, Dokumentation und Abrechnung. Kein tag, an dem man nicht - zumindest für einen Moment - am Limit ankommt.
Ich bewundere die Kolleginnen, die das offensichtlich seit Jahren und Jahrzehnten so tun und dennoch jeden Tag aufs neue hoch motiviert morgens ihre Kinder erwarten, sich an deren Interessen und Bedarfen orientieren, ihr Bestes geben. Ab nächste Woche bin ich auch wieder dabei. Aber irgendwie muss ich wohl schauen, woher ich die Gelassenheit bekomme, besser auf mich selbst zu achten ohne Angst zu haben, kein ganz so guter Erzieher zu sein.
Dienstag, 11. November 2014
Dagmar analysiert Entwicklungen...
Es muss mal gesagt werden: Dafür, dass den Kitas und den in ihnen arbeitenden Erzieher_innen eine immer größere Bedeutung beigemessen wird, dafür dass wir Kita längst als echte Bildungseinrichtung verstehen gelernt haben, ist der Beruf wirklich nicht gut bezahlt.
Zeit laut zu werden. "Erzieherinnen verdienen mehr!", so heißt die Kampagne der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).
Dagmar analysiert Entwicklungen, ich erforsche mit meinen Kindern die Welt, und jeder von uns baut Zukunft.
Zeit laut zu werden. "Erzieherinnen verdienen mehr!", so heißt die Kampagne der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).
Dagmar analysiert Entwicklungen, ich erforsche mit meinen Kindern die Welt, und jeder von uns baut Zukunft.
Montag, 3. November 2014
Herausforderung zum Cornhole-Battle
Die Thüringer Erzieher, Sozialpädagogen, Heilerzieher etc. sind herausgefordert, sich an der 1. Thüringer Cornhole-Meisterschaft der Kita-Männer zu beteiligen. Konkret lautet die Herausforderung:
"Ich fordere die Thüringer Erzieher und Sozialpädagogen (ebenso die männlichen Auszubildenden und Studierenden in den entsprechenden Studien- und Ausbildungsgängen) heraus zur 1. Thüringer Cornhole-Meisterschaft der Kita-Männer. Ausgetragen wird die Meisterschaft im Februar 2015 an einem zwischen allen Wettkamfbeteiligten noch zu vereinbarenden Termin. Austragungsort ist Erfurt. Gespielt wird nach den Regeln des DeCoV - Deutscher Cornhole Verband in den Disziplinen Einzel, Doppel und Mannschaft.
Im Einzel dürfen dabei Erzieher, im Doppel Erzieher gemeinsam mit einer/einem Vertreter/in der u.g. Personengruppen (auch Erzieher mit Erzieher/in) antreten. In der Disziplin Mannschaft dürfen Mannschaften antreten, die sich aus Vertreter/innen von mindestens zwei der Personengruppen Erzieher, Väter, Erzieherinnen, Mütter, Trägervertreter/innen, Politiker/in zusammensetzen. Eine Mannschaft muss dabei aus vier bis sechs Spieler/innen bestehen.
Wer nimmt die Herausforderung an? Rückmeldung an cornhole@braunmario.de Mehr zur Entwicklung dieser Herausforderung wird auf der Homepage von Mario Braun unter http://braunmario.de/4.html zu lesen sein.
"Ich fordere die Thüringer Erzieher und Sozialpädagogen (ebenso die männlichen Auszubildenden und Studierenden in den entsprechenden Studien- und Ausbildungsgängen) heraus zur 1. Thüringer Cornhole-Meisterschaft der Kita-Männer. Ausgetragen wird die Meisterschaft im Februar 2015 an einem zwischen allen Wettkamfbeteiligten noch zu vereinbarenden Termin. Austragungsort ist Erfurt. Gespielt wird nach den Regeln des DeCoV - Deutscher Cornhole Verband in den Disziplinen Einzel, Doppel und Mannschaft.
Im Einzel dürfen dabei Erzieher, im Doppel Erzieher gemeinsam mit einer/einem Vertreter/in der u.g. Personengruppen (auch Erzieher mit Erzieher/in) antreten. In der Disziplin Mannschaft dürfen Mannschaften antreten, die sich aus Vertreter/innen von mindestens zwei der Personengruppen Erzieher, Väter, Erzieherinnen, Mütter, Trägervertreter/innen, Politiker/in zusammensetzen. Eine Mannschaft muss dabei aus vier bis sechs Spieler/innen bestehen.
Wer nimmt die Herausforderung an? Rückmeldung an cornhole@braunmario.de Mehr zur Entwicklung dieser Herausforderung wird auf der Homepage von Mario Braun unter http://braunmario.de/4.html zu lesen sein.
Dienstag, 28. Oktober 2014
Betreuungsschlüssel
Der Schlüssel für eine gute Betreuung von Kindern in der Kita ist nicht der Betreuungsschlüssel. Der übrigens beträgt in Thüringen per Kita-Gesetz in der Altersstufe ab 3 Jahren bis zum Schuleintritt maximal 1:16. Der Schlüssel für eine gute Pädagogik allerdings liegt nicht in einer Zahl. Er liegt in einem durchdachten Betreuungs- und Bildungskonzept. Das lässt dann wiederum Variabilität in den Betreuungszahlen zu.
In den Wochen meiner bisherigen Tätigkeit als Erzieher war ich gelegentlich der alleinige Betreuer meiner Gruppe. An wenigen Tagen auch mit einer betreuten Kinderzahl oberhalb der Betreuungsschlüssels.
Ob dies allerdings jeweils problematisch oder wenig dramatisch ist, hängt fast ausschließlich davon ab, was an dem Tag geplant ist und welche Kinder der Gruppe anwesend sind. An manchem Tag sind schon zwölf Kinder sehr viel. Wenn beispielsweise ein geplantes Angebot ein wenig mehr Aufmerksamkeit fordert, unter den zwölf Anwesenden aber genau an diesem Tag alle sechs Kinder sind, die im freien Spiel ebenso wie in der angeleiteten Beschäftigung ein hohes Maß an individueller Aufmerksamkeit benötigen. Schnell wird das Angebot dann entweder zur unbegleiteten Selbstbeschäftigung der anderen Kinder oder aber das Ergebnis des Angebots fällt deutlich "kleiner" aus, als es zuvor angedacht war.
An anderen Tagen sind wir in der Gruppe draußen unterwegs. Dann können auch noch zehn Kinder aus einer anderen Gruppe dabei sein, ohne dass das Chaos ausbricht. Ganz im Gegenteil: in solchen Situationen sorgt eine große Gruppe unter Umständen für eine angenehme Dynamik.
Fragt sich also, wie mit solcher Differenziertheit umgegangen werden kann. Vielleicht ja mit einer Loslösung von der klassischen Strukturierung in Gruppen. Dann kann eben eine Anzahl X an Kindern mit in die Bibliothek kommen, während die anderen ganz selbstverständlich weiter in der Kita Betreuung finden. Und beim nächsten mal gehen dann andere mit. Und alle Angebote in der Kita könnten genau so funktionieren.
Gibt es schon? Stimmt. Gruppenoffene Kitas haben bereits eine längere Tradition.
Aber immer noch gibt es durchgruppierte Einrichtungen. Und in beiden Organisationsformen finden sich letztlich Kinder mit den gleichen Voraussetzungen: große, kleine, laute, leise, neugierige, ruhe- oder krachliebende und Kinder mit den unterschiedlichsten Ressourcen. Stark auf fix bestehende Gruppen orientierte Kitas könnten allerdings die notwendige Variabilität in der Betreuung der Kinder auch herstellen. Mit einer angemessenen Personaldecke. Dann könnten Gruppen geteilt bzw. differenziert betreut werden, könnten Kinder einzeln die Aufmerksamkeit erhalten, die ihnen im Situationsansatz zusteht, könnten Erzieher_innen sich in Kleingruppen-Kontexte oder Einzelsettings begeben.
Spätestens in der inklusiven Aufstellung einer Kindertageseinrichtung wird es ohne eine konsequente Aufhebung klassischer Gruppenstrukturen nicht mehr gehen. Anders nämlich ist es nicht vorstellbar, allen Kindern - unabhängig von ihren Ressourcen, Begabungen, Herkünften, Interessen, familiären und kulturellen Hintergründen - gerecht zu werden.
Soweit sind wir allerdings noch nicht. Im Moment braucht es "nur" Rahmenbedingungen, um der Anforderung gerecht zu werden, Kita als Bildungseinrichtung zu verstehen, die dann eben mehr leisten muss, als nur eine Betreuung über den Tag.
In guten Rahmenbedingungen können wir Kinder gut auf das Leben vorbereiten, gut auf spätere Lernschritte, gut auch darauf, in anderen Bildungssystemen zu bestehen.
Können wir.
In den Wochen meiner bisherigen Tätigkeit als Erzieher war ich gelegentlich der alleinige Betreuer meiner Gruppe. An wenigen Tagen auch mit einer betreuten Kinderzahl oberhalb der Betreuungsschlüssels.
Ob dies allerdings jeweils problematisch oder wenig dramatisch ist, hängt fast ausschließlich davon ab, was an dem Tag geplant ist und welche Kinder der Gruppe anwesend sind. An manchem Tag sind schon zwölf Kinder sehr viel. Wenn beispielsweise ein geplantes Angebot ein wenig mehr Aufmerksamkeit fordert, unter den zwölf Anwesenden aber genau an diesem Tag alle sechs Kinder sind, die im freien Spiel ebenso wie in der angeleiteten Beschäftigung ein hohes Maß an individueller Aufmerksamkeit benötigen. Schnell wird das Angebot dann entweder zur unbegleiteten Selbstbeschäftigung der anderen Kinder oder aber das Ergebnis des Angebots fällt deutlich "kleiner" aus, als es zuvor angedacht war.
An anderen Tagen sind wir in der Gruppe draußen unterwegs. Dann können auch noch zehn Kinder aus einer anderen Gruppe dabei sein, ohne dass das Chaos ausbricht. Ganz im Gegenteil: in solchen Situationen sorgt eine große Gruppe unter Umständen für eine angenehme Dynamik.
Fragt sich also, wie mit solcher Differenziertheit umgegangen werden kann. Vielleicht ja mit einer Loslösung von der klassischen Strukturierung in Gruppen. Dann kann eben eine Anzahl X an Kindern mit in die Bibliothek kommen, während die anderen ganz selbstverständlich weiter in der Kita Betreuung finden. Und beim nächsten mal gehen dann andere mit. Und alle Angebote in der Kita könnten genau so funktionieren.
Gibt es schon? Stimmt. Gruppenoffene Kitas haben bereits eine längere Tradition.
Aber immer noch gibt es durchgruppierte Einrichtungen. Und in beiden Organisationsformen finden sich letztlich Kinder mit den gleichen Voraussetzungen: große, kleine, laute, leise, neugierige, ruhe- oder krachliebende und Kinder mit den unterschiedlichsten Ressourcen. Stark auf fix bestehende Gruppen orientierte Kitas könnten allerdings die notwendige Variabilität in der Betreuung der Kinder auch herstellen. Mit einer angemessenen Personaldecke. Dann könnten Gruppen geteilt bzw. differenziert betreut werden, könnten Kinder einzeln die Aufmerksamkeit erhalten, die ihnen im Situationsansatz zusteht, könnten Erzieher_innen sich in Kleingruppen-Kontexte oder Einzelsettings begeben.
Spätestens in der inklusiven Aufstellung einer Kindertageseinrichtung wird es ohne eine konsequente Aufhebung klassischer Gruppenstrukturen nicht mehr gehen. Anders nämlich ist es nicht vorstellbar, allen Kindern - unabhängig von ihren Ressourcen, Begabungen, Herkünften, Interessen, familiären und kulturellen Hintergründen - gerecht zu werden.
Soweit sind wir allerdings noch nicht. Im Moment braucht es "nur" Rahmenbedingungen, um der Anforderung gerecht zu werden, Kita als Bildungseinrichtung zu verstehen, die dann eben mehr leisten muss, als nur eine Betreuung über den Tag.
In guten Rahmenbedingungen können wir Kinder gut auf das Leben vorbereiten, gut auf spätere Lernschritte, gut auch darauf, in anderen Bildungssystemen zu bestehen.
Können wir.
Freitag, 24. Oktober 2014
Tage der seelischen Gesundheit
Ab und an genieße ich die Möglichkeit, zu meinen Wurzeln zurückzukehren. Gestern Abend ergab sich eine solche Möglichkeit bei einer Moderation zu den Tagen der Seelischen Gesundheit in Weimar. Das Leitthema des Podiumsgespräches lautete "psychisch krank und dennoch mittendrin". Es ging um die gesellschaftlichen Bedingungen, in denen seelische Gesundheit leidet und um notwendige Rahmungen für die Ermöglichung eines "normalen" Lebens mit psychischer Krankheit.
Befragt nach den Wünschen für die Zukunft im Zusammenhang mit dem Thema seelische Gesundheit antwortete eine Podiumsteilnehmer sinngemäß: "Ich wünsche mir, dass wir wieder schätzen lernen, was jeder für Potentiale in sich trägt, dass wir wegkommen davon, immer nur vermeintliche Defizite zu analysieren. Ich wünsche mir, dass wir interessiert aufeinander zugehen, uns zuhören und wieder mehr auf den anderen achten." Die Wünsche formulierte jemand, der therapeutisch arbeitet. Jemand, der sich bessere Rahmenbedingungen wünschen könnte, mehr Geld, mehr Information der Betroffenen und Angehörigen, weniger Bürokratie im Umgang mit den Krankenkassen. Alle diese Wünsche wären wohl auch berechtigt gewesen. Aus seiner Sicht aber war anderes viel wichtiger.
Und Recht hat er. Eigentlich braucht es doch gar nicht so viel, um Gutes zu tun für seelische Gesundheit, für das Gefühl, ein gutes Leben zu führen. Es braucht Achtsamkeit - auf sich selbst, auf die anderen, auf das was einem die Leichtigkeit und Fröhlichkeit des Lebens rauben kann.
Und können wir in der Kita nicht einen riesigen Beitrag dazu leisten, dass Kinder diese Achtsamkeit entwickeln? Wir können als Pädagog/innen selbst darauf achten, nicht über die Köpfe der Kinder hinweg zu entscheiden, Emotionen ernst zu schätzen, Ängste nicht beiseite zu schieben sondern zu nehmen. Wir können alltägliche Bedingungen schaffen, die Kinder dazu anregen, auf die anderen zu achten, Fröhlichkeit gemeinsam zu schaffen und zu genießen, gemeinsam Mut zu entwickeln.
Wir könnten endlich aufhören, strichlistenartig die Defizite der von uns betreuten Kinder aufzulisten und ihre Passung in die Anforderungswelt von Schule und Beruf zu überprüfen. Wir könnten uns endlich auf die Suche machen nach den Potentialen und Fähigkeiten jedes einzelnen kleinen Menschen in unserer Obhut, nach dem was ihn jeweils einzigartig und besonders macht.
In anderen Bereichen können wir doch auch präventiv sein: Sprache, Motorik, Sucht, ... "Erziehung ist Beispiel und Liebe, sonst nichts.", so soll es der alte Fröbel dereinst gesagt haben. Seien wir also Beispiel und vermitteln unseren Kindern mit Liebe, wie wertvoll unser Leben und das Leben der Menschen um uns herum ist und wie wichtig es ist, dieses wundervolle Leben in der Seele gesund genießen zu können.
Freitag, 17. Oktober 2014
gefördert...
Eine Gruppe, zwanzig Kinder... und scheinbar kaum eines "normal entwickelt". Ein unglaublicher Hagel an Förderbedarfen - diagnostiziert durch Jugendamt, Ärzteschaft, Therapeut/innen - schlägt auf den Gruppenalltag hernieder. Neben allem anderen übrigens.
Sprachförderung, Motorikförderung, Förderung der Sozialkompetenz, Umgang mit einer auditiven Wahrnehmungsstörung. Dazu kommen noch jene "Bedarfe", die von den Eltern (gelegentlich wohl zum Glück) nicht getragen werden, also letztlich nicht zu irgendeiner Form von Förderung führen.
Nun könnte man meinen, so viele im Kitaalltag geförderte Kinder führten fast zwangsläufig zu einer inklusiven pädagogischen Aufstellung. Tatsächlich aber steigt das Potential, dass die Summe der Einzelförderungen eine weit gefasste Alltagsaufstellung der Gruppe ver- oder zumindest behindert und stattdessen zu einer Ansammlung ständig präsenter sich kreuzender Einbahnstraßen führt. Stempel drauf und...
Und alles, weil nicht einmal die Hälfte der Kinder einer Norm entspricht, die vermutlich doch nur darauf zielt, dem System Schule möglichst optimiert zur Verfügung gestellt zu werden. Damit werden nicht etwa Angebote in der Kita geöffnet, damit wird nicht der Kreis erweitert, in dem Kinder mit verschiedensten Bedürfnissen und Bedarfen Platz finden können, damit wird - zumindest in der Realität wie ich sie wahrnehme - das Gegenteil von Inklusion betrieben. Da werden Stempel verteilt und Erklärungen gleich mitgeliefert.
Statt einer pädagogischen Rahmung mit entsprechender Personal- und Raumausstattung, die es zulässt sich jedem Kind entsprechend seiner jeweils besonderen Bedarfe zu widmen, rückt das jeweils diagnostizierte Defizit in den Mittelpunkt und wird nahezu technisch abgehandelt. Unterlegt mit Förderstunden, wahlweise im Gruppenkontext oder im Einzelsetting, kann das Defizit dann soweit bearbeitet werden, dass das Kind sich wieder der Norm annähert. Das Management dieser Förderungen kostet gefühlte Unmengen an Zeit und Aufmerksamkeit. Zeit und Energie, die der Arbeit mit den Kindern entzogen wird.
Diese Sicht ist vielleicht ein wenig engstirnig. Natürlich braucht es Einzelförderung und das nicht selten über das Maß der Möglichkeiten eines/einer Erzieher/in hinaus. Wenn solche Förderung jedoch mit der Stoppuhr in der Hand realisiert und abgerechnet werden muss, muss sie die Ziele inklusiver Pädagogik verfehlen.
Mittwoch, 1. Oktober 2014
Regulative im Grünen
Eine Kita ist ein komplexes System. Und komplexe Systeme brauchen Regeln. Zumal wenn in ihnen Kinder betreut und gefördert werden.
Das mit den Regeln ist allerdings so eine Sache. Es gibt solche, die auf Papier (oder neuerdings in die Cloud) geschrieben werden und dadurch Gültigkeit erhalten. Sollen solche Regeln verändert werden - etwa weil sie sich nicht bewährt haben oder die Regelwächter/innen irgendwann neue Gesichter haben - braucht es einer Auseinandersetzung, einer Vereinbarung oder eines entsprechenden Dekrets "von oben". Öffnungszeiten lassen sich in einer Kita so regeln. Oder Dienstpläne oder Raumausstattungen.
Eine andere Form von Regeln entsteht in der täglichen Arbeit der Erzieher/innen. Und solche Regeln sind keinesfalls einheitlich - selbst wenn die grundsätzliche pädagogische Ausrichtung der Erzieher/innen doch eine ähnliche sein sollte. Und dennoch unterscheiden sich im konkreten Tun Vorstellungen davon, was richtig und wichtig ist. So entscheidet beispielsweise jede/r Erzieher/in, bei welchem Wetter es tatsächlich raus geht - beispielsweise durch eine eigene Interpretation der Regenstärke.
So erfährt eine Kita Leben, so lernen Kinder zudem, dass auch Erwachsene unterschiedliche Meinungen haben und unterm Strich dennoch sehr gut miteinander klarkommen können. Nicht zuletzt wegen der Verschiedenartigkeit von erwachsenen Bezugspersonen sollten Kinder in der Kita zwischen verschiedenen Ansprechpartner/innen wählen können bzw. ab und an mit verschiedenen konfrontiert sein.
Zur Schwierigkeit werden individuell getroffene Regelungen allerdings in einem komplexen System dadurch, dass sich aus ihnen in der Summe ein Regelwerk ergibt, dass keinesfalls mehr vielfältig ist, sondern nach und nach sehr enge Grenzen setzt. Unter Umständen ist das sogar gar nicht so ungewollt. In jedem Fall aber ist dieser Mechanismus wirkungsmächtig.
Beispiel Schaukel... Im Garten gibt es zwei nebeneinander hängende Schaukeln. Für diese Anlage (umgeben von einer kleinen Hecke, durch die ein Zutrittsbereich genau gekennzeichnet ist) gibt es Regelwerk. Geschaukelt werden darf nur, wenn ein/e Erzieher/in anwesend ist. Es darf nur sitzend und nur mit dem Gesicht in Richtung des "Eingangs" geschaukelt werden. Schaukeln dürfen zudem nur Kinder, die allein auf die Schaukel klettern und diese allein in Bewegung versetzen können. Wie lange das einzelne Kind schaukeln darf, ist wahlweise zu zählen, zeitlich zu messen oder aus dem Bauch zu bestimmen. Kein anderes Kind darf (das folgt aus den Regeln und wird regelmäßig angemahnt) den abgegrenzten Schaukelbereich während des Schaukelns betreten - also auch nicht etwa, um einem anderen Kind zu helfen oder ihm Anschwung zu geben. Und da sich das Erdreich unter den schaukeln zugleich verdichtet und reduziert, also kleine Kuhlen entstehen, müssen nach und nach die Beine der Kinder, die allein auf die Schaukel kommen können, immer länger werden. Wahlweise dürfte auch die Technik des selbstständigen Aufstiegs immer ausgefeilter werden...
Die Summe dieser Regeln steht nicht etwa irgendwo geschrieben. Sie ist auch nie - so scheint es zumindest - diskutiert worden. Vielmehr ergibt sie sich daraus, dass immer wieder andere Kolleg/innen an der Schaukel die Aufgabe der Aufsicht übernehmen. Und für jede und jeden scheint eine andere Regel passend und wichtig. Da man eine einmal von einer/einem Kolleg/in ausgesprochene Regel niemals in Frage stellen würde, weil dies ja einem Infragestellen der/des Kolleg/in gleichkommen könnte. Und so kommt eine Regelung auf die andere. Bis schließlich kaum noch Platz bleibt für kreatives Spiel. Und das ausgerechnet an der Schaukel, die für die motorische Entwicklung so wichtig sein kann. Und nahezu prädestiniert ist für die Erprobung der Kinder in Sachen Kooperation, Konfliktaustragung und Selbstregulation.
Beispiel Pfütze... Es ist klar, auch bei Regenwetter geht es in den Garten. Allerdings finden sich an drei Stellen bei Regen schöne Pfützen. Oder zum Glück befinden sie sich schnell dort. Selbstverständlich jedoch sind auch diese drei Pfützen durchreguliert. Das Schema der Regelentstehung ist ein ähnliches wie an der Schaukel. Bei oder nach Regen gehen die Kinder in Regenkleidung in den Garten. Gummistiefel, Regenhose und Regenjacke gehören dazu - eigentlich also weitgehend wasserdicht. Einige wenige Kinder haben gelegentlich leider keine Wechselsachen mit. Manches mal sind die Gummistiefel gerade zu klein. In den Gruppenräumen warten aber für alle Kinder für den Bedarfsfall Wechselsachen. Selbst wenn ein Kind ohne Regensachen sich in einer Pfützen badet, könnte es wenige Augenblicke später umgezogen und damit trocken sein.
Die Pfützen-Regelungen sind eine Ansammlung von wenn-dann-Kombinationen. So könnten Kinder aus einigen Gruppen (immer abhängig von dem/der jeweiligen Erzieher/in) in voller Regenmontur selbstverständlich wild durch die Pfützen springen. Andere Gruppen kennen die Einschränkung, dass man bitte nicht springen, sondern nur vorsichtig hindurch laufen sollte. Wieder andere Gruppen sind ermahnt, dass sich in den Pfützen nur bewegt werden darf, wenn gerade kein Kind in der Nähe ist, dass nicht ebenfalls vollständig in Regenkluft gekleidet ist. Pech haben übrigens die Kinder jener Gruppen, in denen Erzieher/innen die Erfahrung gemacht haben, dass Gummistiefel auch einmal undicht sein können. Für sie gilt ein grundsätzliches Pfützen-Verbot. Noch nicht angesprochen ist übrigens der Fall, dass ein Kind sich mit Schippe und Eimer ausgestattet der Pfütze zum Spiel nähert, Wasser etwa in den Sandkasten transportiert werden soll oder diverse Materialien der Pfütze zugegeben werden sollen, um die entsprechenden Wirkungen zu beobachten.
Für jede der genannten Regeln gibt es einen jeweils guten Grund. Die Fairness allen Kindern gegenüber gebietet es jedoch, an der Pfütze in der unmittelbaren Situation alle gleich zu behandeln. Es wäre schlichtweg schwer zu vermitteln, warum eine Anzahl Kinder in Regenkluft durch die Pfütze springen kann, während sie zur gleichen Zeit von anderen ähnlich gekleideten Kindern nur langsam durchschritten werden darf und wieder andere Kinder dem Geschehen vom Pfützenrand zuschauen müssen. Unterm Strich werden also alle Kinder zurückgehalten. Oder eben nur solange in die Pfütze gelassen, bis... Und so weiter.
Es gäbe viele andere Beispiele. Der Fahrzeugpark, der Ballplatz, der Garten, der Zaun, das Gebüsch, eine frei stehende Mauer, der Sandkasten, die beweglichen Bänke...
Vielleicht aber ist solch strikte Regulierung auch für etwas gut: Kinder lernen so eingeengt, sich ihre Freiräume zu erkämpfen. sei es durch genaue Beobachtung und Differenzierung der Erzieher/innen oder durch schlichtes Umgehen. Komplexe Systeme haben nämlich noch einen Effekt. Sie sind niemals perfekt.
Das mit den Regeln ist allerdings so eine Sache. Es gibt solche, die auf Papier (oder neuerdings in die Cloud) geschrieben werden und dadurch Gültigkeit erhalten. Sollen solche Regeln verändert werden - etwa weil sie sich nicht bewährt haben oder die Regelwächter/innen irgendwann neue Gesichter haben - braucht es einer Auseinandersetzung, einer Vereinbarung oder eines entsprechenden Dekrets "von oben". Öffnungszeiten lassen sich in einer Kita so regeln. Oder Dienstpläne oder Raumausstattungen.
Eine andere Form von Regeln entsteht in der täglichen Arbeit der Erzieher/innen. Und solche Regeln sind keinesfalls einheitlich - selbst wenn die grundsätzliche pädagogische Ausrichtung der Erzieher/innen doch eine ähnliche sein sollte. Und dennoch unterscheiden sich im konkreten Tun Vorstellungen davon, was richtig und wichtig ist. So entscheidet beispielsweise jede/r Erzieher/in, bei welchem Wetter es tatsächlich raus geht - beispielsweise durch eine eigene Interpretation der Regenstärke.
So erfährt eine Kita Leben, so lernen Kinder zudem, dass auch Erwachsene unterschiedliche Meinungen haben und unterm Strich dennoch sehr gut miteinander klarkommen können. Nicht zuletzt wegen der Verschiedenartigkeit von erwachsenen Bezugspersonen sollten Kinder in der Kita zwischen verschiedenen Ansprechpartner/innen wählen können bzw. ab und an mit verschiedenen konfrontiert sein.
Zur Schwierigkeit werden individuell getroffene Regelungen allerdings in einem komplexen System dadurch, dass sich aus ihnen in der Summe ein Regelwerk ergibt, dass keinesfalls mehr vielfältig ist, sondern nach und nach sehr enge Grenzen setzt. Unter Umständen ist das sogar gar nicht so ungewollt. In jedem Fall aber ist dieser Mechanismus wirkungsmächtig.
Beispiel Schaukel... Im Garten gibt es zwei nebeneinander hängende Schaukeln. Für diese Anlage (umgeben von einer kleinen Hecke, durch die ein Zutrittsbereich genau gekennzeichnet ist) gibt es Regelwerk. Geschaukelt werden darf nur, wenn ein/e Erzieher/in anwesend ist. Es darf nur sitzend und nur mit dem Gesicht in Richtung des "Eingangs" geschaukelt werden. Schaukeln dürfen zudem nur Kinder, die allein auf die Schaukel klettern und diese allein in Bewegung versetzen können. Wie lange das einzelne Kind schaukeln darf, ist wahlweise zu zählen, zeitlich zu messen oder aus dem Bauch zu bestimmen. Kein anderes Kind darf (das folgt aus den Regeln und wird regelmäßig angemahnt) den abgegrenzten Schaukelbereich während des Schaukelns betreten - also auch nicht etwa, um einem anderen Kind zu helfen oder ihm Anschwung zu geben. Und da sich das Erdreich unter den schaukeln zugleich verdichtet und reduziert, also kleine Kuhlen entstehen, müssen nach und nach die Beine der Kinder, die allein auf die Schaukel kommen können, immer länger werden. Wahlweise dürfte auch die Technik des selbstständigen Aufstiegs immer ausgefeilter werden...
Die Summe dieser Regeln steht nicht etwa irgendwo geschrieben. Sie ist auch nie - so scheint es zumindest - diskutiert worden. Vielmehr ergibt sie sich daraus, dass immer wieder andere Kolleg/innen an der Schaukel die Aufgabe der Aufsicht übernehmen. Und für jede und jeden scheint eine andere Regel passend und wichtig. Da man eine einmal von einer/einem Kolleg/in ausgesprochene Regel niemals in Frage stellen würde, weil dies ja einem Infragestellen der/des Kolleg/in gleichkommen könnte. Und so kommt eine Regelung auf die andere. Bis schließlich kaum noch Platz bleibt für kreatives Spiel. Und das ausgerechnet an der Schaukel, die für die motorische Entwicklung so wichtig sein kann. Und nahezu prädestiniert ist für die Erprobung der Kinder in Sachen Kooperation, Konfliktaustragung und Selbstregulation.
Beispiel Pfütze... Es ist klar, auch bei Regenwetter geht es in den Garten. Allerdings finden sich an drei Stellen bei Regen schöne Pfützen. Oder zum Glück befinden sie sich schnell dort. Selbstverständlich jedoch sind auch diese drei Pfützen durchreguliert. Das Schema der Regelentstehung ist ein ähnliches wie an der Schaukel. Bei oder nach Regen gehen die Kinder in Regenkleidung in den Garten. Gummistiefel, Regenhose und Regenjacke gehören dazu - eigentlich also weitgehend wasserdicht. Einige wenige Kinder haben gelegentlich leider keine Wechselsachen mit. Manches mal sind die Gummistiefel gerade zu klein. In den Gruppenräumen warten aber für alle Kinder für den Bedarfsfall Wechselsachen. Selbst wenn ein Kind ohne Regensachen sich in einer Pfützen badet, könnte es wenige Augenblicke später umgezogen und damit trocken sein.
Die Pfützen-Regelungen sind eine Ansammlung von wenn-dann-Kombinationen. So könnten Kinder aus einigen Gruppen (immer abhängig von dem/der jeweiligen Erzieher/in) in voller Regenmontur selbstverständlich wild durch die Pfützen springen. Andere Gruppen kennen die Einschränkung, dass man bitte nicht springen, sondern nur vorsichtig hindurch laufen sollte. Wieder andere Gruppen sind ermahnt, dass sich in den Pfützen nur bewegt werden darf, wenn gerade kein Kind in der Nähe ist, dass nicht ebenfalls vollständig in Regenkluft gekleidet ist. Pech haben übrigens die Kinder jener Gruppen, in denen Erzieher/innen die Erfahrung gemacht haben, dass Gummistiefel auch einmal undicht sein können. Für sie gilt ein grundsätzliches Pfützen-Verbot. Noch nicht angesprochen ist übrigens der Fall, dass ein Kind sich mit Schippe und Eimer ausgestattet der Pfütze zum Spiel nähert, Wasser etwa in den Sandkasten transportiert werden soll oder diverse Materialien der Pfütze zugegeben werden sollen, um die entsprechenden Wirkungen zu beobachten.
Für jede der genannten Regeln gibt es einen jeweils guten Grund. Die Fairness allen Kindern gegenüber gebietet es jedoch, an der Pfütze in der unmittelbaren Situation alle gleich zu behandeln. Es wäre schlichtweg schwer zu vermitteln, warum eine Anzahl Kinder in Regenkluft durch die Pfütze springen kann, während sie zur gleichen Zeit von anderen ähnlich gekleideten Kindern nur langsam durchschritten werden darf und wieder andere Kinder dem Geschehen vom Pfützenrand zuschauen müssen. Unterm Strich werden also alle Kinder zurückgehalten. Oder eben nur solange in die Pfütze gelassen, bis... Und so weiter.
Es gäbe viele andere Beispiele. Der Fahrzeugpark, der Ballplatz, der Garten, der Zaun, das Gebüsch, eine frei stehende Mauer, der Sandkasten, die beweglichen Bänke...
Vielleicht aber ist solch strikte Regulierung auch für etwas gut: Kinder lernen so eingeengt, sich ihre Freiräume zu erkämpfen. sei es durch genaue Beobachtung und Differenzierung der Erzieher/innen oder durch schlichtes Umgehen. Komplexe Systeme haben nämlich noch einen Effekt. Sie sind niemals perfekt.
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