Der Schlüssel für eine gute Betreuung von Kindern in der Kita ist nicht der Betreuungsschlüssel. Der übrigens beträgt in Thüringen per Kita-Gesetz in der Altersstufe ab 3 Jahren bis zum Schuleintritt maximal 1:16. Der Schlüssel für eine gute Pädagogik allerdings liegt nicht in einer Zahl. Er liegt in einem durchdachten Betreuungs- und Bildungskonzept. Das lässt dann wiederum Variabilität in den Betreuungszahlen zu.
In den Wochen meiner bisherigen Tätigkeit als Erzieher war ich gelegentlich der alleinige Betreuer meiner Gruppe. An wenigen Tagen auch mit einer betreuten Kinderzahl oberhalb der Betreuungsschlüssels.
Ob dies allerdings jeweils problematisch oder wenig dramatisch ist, hängt fast ausschließlich davon ab, was an dem Tag geplant ist und welche Kinder der Gruppe anwesend sind. An manchem Tag sind schon zwölf Kinder sehr viel. Wenn beispielsweise ein geplantes Angebot ein wenig mehr Aufmerksamkeit fordert, unter den zwölf Anwesenden aber genau an diesem Tag alle sechs Kinder sind, die im freien Spiel ebenso wie in der angeleiteten Beschäftigung ein hohes Maß an individueller Aufmerksamkeit benötigen. Schnell wird das Angebot dann entweder zur unbegleiteten Selbstbeschäftigung der anderen Kinder oder aber das Ergebnis des Angebots fällt deutlich "kleiner" aus, als es zuvor angedacht war.
An anderen Tagen sind wir in der Gruppe draußen unterwegs. Dann können auch noch zehn Kinder aus einer anderen Gruppe dabei sein, ohne dass das Chaos ausbricht. Ganz im Gegenteil: in solchen Situationen sorgt eine große Gruppe unter Umständen für eine angenehme Dynamik.
Fragt sich also, wie mit solcher Differenziertheit umgegangen werden kann. Vielleicht ja mit einer Loslösung von der klassischen Strukturierung in Gruppen. Dann kann eben eine Anzahl X an Kindern mit in die Bibliothek kommen, während die anderen ganz selbstverständlich weiter in der Kita Betreuung finden. Und beim nächsten mal gehen dann andere mit. Und alle Angebote in der Kita könnten genau so funktionieren.
Gibt es schon? Stimmt. Gruppenoffene Kitas haben bereits eine längere Tradition.
Aber immer noch gibt es durchgruppierte Einrichtungen. Und in beiden Organisationsformen finden sich letztlich Kinder mit den gleichen Voraussetzungen: große, kleine, laute, leise, neugierige, ruhe- oder krachliebende und Kinder mit den unterschiedlichsten Ressourcen. Stark auf fix bestehende Gruppen orientierte Kitas könnten allerdings die notwendige Variabilität in der Betreuung der Kinder auch herstellen. Mit einer angemessenen Personaldecke. Dann könnten Gruppen geteilt bzw. differenziert betreut werden, könnten Kinder einzeln die Aufmerksamkeit erhalten, die ihnen im Situationsansatz zusteht, könnten Erzieher_innen sich in Kleingruppen-Kontexte oder Einzelsettings begeben.
Spätestens in der inklusiven Aufstellung einer Kindertageseinrichtung wird es ohne eine konsequente Aufhebung klassischer Gruppenstrukturen nicht mehr gehen. Anders nämlich ist es nicht vorstellbar, allen Kindern - unabhängig von ihren Ressourcen, Begabungen, Herkünften, Interessen, familiären und kulturellen Hintergründen - gerecht zu werden.
Soweit sind wir allerdings noch nicht. Im Moment braucht es "nur" Rahmenbedingungen, um der Anforderung gerecht zu werden, Kita als Bildungseinrichtung zu verstehen, die dann eben mehr leisten muss, als nur eine Betreuung über den Tag.
In guten Rahmenbedingungen können wir Kinder gut auf das Leben vorbereiten, gut auf spätere Lernschritte, gut auch darauf, in anderen Bildungssystemen zu bestehen.
Können wir.
Dienstag, 28. Oktober 2014
Freitag, 24. Oktober 2014
Tage der seelischen Gesundheit
Ab und an genieße ich die Möglichkeit, zu meinen Wurzeln zurückzukehren. Gestern Abend ergab sich eine solche Möglichkeit bei einer Moderation zu den Tagen der Seelischen Gesundheit in Weimar. Das Leitthema des Podiumsgespräches lautete "psychisch krank und dennoch mittendrin". Es ging um die gesellschaftlichen Bedingungen, in denen seelische Gesundheit leidet und um notwendige Rahmungen für die Ermöglichung eines "normalen" Lebens mit psychischer Krankheit.
Befragt nach den Wünschen für die Zukunft im Zusammenhang mit dem Thema seelische Gesundheit antwortete eine Podiumsteilnehmer sinngemäß: "Ich wünsche mir, dass wir wieder schätzen lernen, was jeder für Potentiale in sich trägt, dass wir wegkommen davon, immer nur vermeintliche Defizite zu analysieren. Ich wünsche mir, dass wir interessiert aufeinander zugehen, uns zuhören und wieder mehr auf den anderen achten." Die Wünsche formulierte jemand, der therapeutisch arbeitet. Jemand, der sich bessere Rahmenbedingungen wünschen könnte, mehr Geld, mehr Information der Betroffenen und Angehörigen, weniger Bürokratie im Umgang mit den Krankenkassen. Alle diese Wünsche wären wohl auch berechtigt gewesen. Aus seiner Sicht aber war anderes viel wichtiger.
Und Recht hat er. Eigentlich braucht es doch gar nicht so viel, um Gutes zu tun für seelische Gesundheit, für das Gefühl, ein gutes Leben zu führen. Es braucht Achtsamkeit - auf sich selbst, auf die anderen, auf das was einem die Leichtigkeit und Fröhlichkeit des Lebens rauben kann.
Und können wir in der Kita nicht einen riesigen Beitrag dazu leisten, dass Kinder diese Achtsamkeit entwickeln? Wir können als Pädagog/innen selbst darauf achten, nicht über die Köpfe der Kinder hinweg zu entscheiden, Emotionen ernst zu schätzen, Ängste nicht beiseite zu schieben sondern zu nehmen. Wir können alltägliche Bedingungen schaffen, die Kinder dazu anregen, auf die anderen zu achten, Fröhlichkeit gemeinsam zu schaffen und zu genießen, gemeinsam Mut zu entwickeln.
Wir könnten endlich aufhören, strichlistenartig die Defizite der von uns betreuten Kinder aufzulisten und ihre Passung in die Anforderungswelt von Schule und Beruf zu überprüfen. Wir könnten uns endlich auf die Suche machen nach den Potentialen und Fähigkeiten jedes einzelnen kleinen Menschen in unserer Obhut, nach dem was ihn jeweils einzigartig und besonders macht.
In anderen Bereichen können wir doch auch präventiv sein: Sprache, Motorik, Sucht, ... "Erziehung ist Beispiel und Liebe, sonst nichts.", so soll es der alte Fröbel dereinst gesagt haben. Seien wir also Beispiel und vermitteln unseren Kindern mit Liebe, wie wertvoll unser Leben und das Leben der Menschen um uns herum ist und wie wichtig es ist, dieses wundervolle Leben in der Seele gesund genießen zu können.
Freitag, 17. Oktober 2014
gefördert...
Eine Gruppe, zwanzig Kinder... und scheinbar kaum eines "normal entwickelt". Ein unglaublicher Hagel an Förderbedarfen - diagnostiziert durch Jugendamt, Ärzteschaft, Therapeut/innen - schlägt auf den Gruppenalltag hernieder. Neben allem anderen übrigens.
Sprachförderung, Motorikförderung, Förderung der Sozialkompetenz, Umgang mit einer auditiven Wahrnehmungsstörung. Dazu kommen noch jene "Bedarfe", die von den Eltern (gelegentlich wohl zum Glück) nicht getragen werden, also letztlich nicht zu irgendeiner Form von Förderung führen.
Nun könnte man meinen, so viele im Kitaalltag geförderte Kinder führten fast zwangsläufig zu einer inklusiven pädagogischen Aufstellung. Tatsächlich aber steigt das Potential, dass die Summe der Einzelförderungen eine weit gefasste Alltagsaufstellung der Gruppe ver- oder zumindest behindert und stattdessen zu einer Ansammlung ständig präsenter sich kreuzender Einbahnstraßen führt. Stempel drauf und...
Und alles, weil nicht einmal die Hälfte der Kinder einer Norm entspricht, die vermutlich doch nur darauf zielt, dem System Schule möglichst optimiert zur Verfügung gestellt zu werden. Damit werden nicht etwa Angebote in der Kita geöffnet, damit wird nicht der Kreis erweitert, in dem Kinder mit verschiedensten Bedürfnissen und Bedarfen Platz finden können, damit wird - zumindest in der Realität wie ich sie wahrnehme - das Gegenteil von Inklusion betrieben. Da werden Stempel verteilt und Erklärungen gleich mitgeliefert.
Statt einer pädagogischen Rahmung mit entsprechender Personal- und Raumausstattung, die es zulässt sich jedem Kind entsprechend seiner jeweils besonderen Bedarfe zu widmen, rückt das jeweils diagnostizierte Defizit in den Mittelpunkt und wird nahezu technisch abgehandelt. Unterlegt mit Förderstunden, wahlweise im Gruppenkontext oder im Einzelsetting, kann das Defizit dann soweit bearbeitet werden, dass das Kind sich wieder der Norm annähert. Das Management dieser Förderungen kostet gefühlte Unmengen an Zeit und Aufmerksamkeit. Zeit und Energie, die der Arbeit mit den Kindern entzogen wird.
Diese Sicht ist vielleicht ein wenig engstirnig. Natürlich braucht es Einzelförderung und das nicht selten über das Maß der Möglichkeiten eines/einer Erzieher/in hinaus. Wenn solche Förderung jedoch mit der Stoppuhr in der Hand realisiert und abgerechnet werden muss, muss sie die Ziele inklusiver Pädagogik verfehlen.
Mittwoch, 1. Oktober 2014
Regulative im Grünen
Eine Kita ist ein komplexes System. Und komplexe Systeme brauchen Regeln. Zumal wenn in ihnen Kinder betreut und gefördert werden.
Das mit den Regeln ist allerdings so eine Sache. Es gibt solche, die auf Papier (oder neuerdings in die Cloud) geschrieben werden und dadurch Gültigkeit erhalten. Sollen solche Regeln verändert werden - etwa weil sie sich nicht bewährt haben oder die Regelwächter/innen irgendwann neue Gesichter haben - braucht es einer Auseinandersetzung, einer Vereinbarung oder eines entsprechenden Dekrets "von oben". Öffnungszeiten lassen sich in einer Kita so regeln. Oder Dienstpläne oder Raumausstattungen.
Eine andere Form von Regeln entsteht in der täglichen Arbeit der Erzieher/innen. Und solche Regeln sind keinesfalls einheitlich - selbst wenn die grundsätzliche pädagogische Ausrichtung der Erzieher/innen doch eine ähnliche sein sollte. Und dennoch unterscheiden sich im konkreten Tun Vorstellungen davon, was richtig und wichtig ist. So entscheidet beispielsweise jede/r Erzieher/in, bei welchem Wetter es tatsächlich raus geht - beispielsweise durch eine eigene Interpretation der Regenstärke.
So erfährt eine Kita Leben, so lernen Kinder zudem, dass auch Erwachsene unterschiedliche Meinungen haben und unterm Strich dennoch sehr gut miteinander klarkommen können. Nicht zuletzt wegen der Verschiedenartigkeit von erwachsenen Bezugspersonen sollten Kinder in der Kita zwischen verschiedenen Ansprechpartner/innen wählen können bzw. ab und an mit verschiedenen konfrontiert sein.
Zur Schwierigkeit werden individuell getroffene Regelungen allerdings in einem komplexen System dadurch, dass sich aus ihnen in der Summe ein Regelwerk ergibt, dass keinesfalls mehr vielfältig ist, sondern nach und nach sehr enge Grenzen setzt. Unter Umständen ist das sogar gar nicht so ungewollt. In jedem Fall aber ist dieser Mechanismus wirkungsmächtig.
Beispiel Schaukel... Im Garten gibt es zwei nebeneinander hängende Schaukeln. Für diese Anlage (umgeben von einer kleinen Hecke, durch die ein Zutrittsbereich genau gekennzeichnet ist) gibt es Regelwerk. Geschaukelt werden darf nur, wenn ein/e Erzieher/in anwesend ist. Es darf nur sitzend und nur mit dem Gesicht in Richtung des "Eingangs" geschaukelt werden. Schaukeln dürfen zudem nur Kinder, die allein auf die Schaukel klettern und diese allein in Bewegung versetzen können. Wie lange das einzelne Kind schaukeln darf, ist wahlweise zu zählen, zeitlich zu messen oder aus dem Bauch zu bestimmen. Kein anderes Kind darf (das folgt aus den Regeln und wird regelmäßig angemahnt) den abgegrenzten Schaukelbereich während des Schaukelns betreten - also auch nicht etwa, um einem anderen Kind zu helfen oder ihm Anschwung zu geben. Und da sich das Erdreich unter den schaukeln zugleich verdichtet und reduziert, also kleine Kuhlen entstehen, müssen nach und nach die Beine der Kinder, die allein auf die Schaukel kommen können, immer länger werden. Wahlweise dürfte auch die Technik des selbstständigen Aufstiegs immer ausgefeilter werden...
Die Summe dieser Regeln steht nicht etwa irgendwo geschrieben. Sie ist auch nie - so scheint es zumindest - diskutiert worden. Vielmehr ergibt sie sich daraus, dass immer wieder andere Kolleg/innen an der Schaukel die Aufgabe der Aufsicht übernehmen. Und für jede und jeden scheint eine andere Regel passend und wichtig. Da man eine einmal von einer/einem Kolleg/in ausgesprochene Regel niemals in Frage stellen würde, weil dies ja einem Infragestellen der/des Kolleg/in gleichkommen könnte. Und so kommt eine Regelung auf die andere. Bis schließlich kaum noch Platz bleibt für kreatives Spiel. Und das ausgerechnet an der Schaukel, die für die motorische Entwicklung so wichtig sein kann. Und nahezu prädestiniert ist für die Erprobung der Kinder in Sachen Kooperation, Konfliktaustragung und Selbstregulation.
Beispiel Pfütze... Es ist klar, auch bei Regenwetter geht es in den Garten. Allerdings finden sich an drei Stellen bei Regen schöne Pfützen. Oder zum Glück befinden sie sich schnell dort. Selbstverständlich jedoch sind auch diese drei Pfützen durchreguliert. Das Schema der Regelentstehung ist ein ähnliches wie an der Schaukel. Bei oder nach Regen gehen die Kinder in Regenkleidung in den Garten. Gummistiefel, Regenhose und Regenjacke gehören dazu - eigentlich also weitgehend wasserdicht. Einige wenige Kinder haben gelegentlich leider keine Wechselsachen mit. Manches mal sind die Gummistiefel gerade zu klein. In den Gruppenräumen warten aber für alle Kinder für den Bedarfsfall Wechselsachen. Selbst wenn ein Kind ohne Regensachen sich in einer Pfützen badet, könnte es wenige Augenblicke später umgezogen und damit trocken sein.
Die Pfützen-Regelungen sind eine Ansammlung von wenn-dann-Kombinationen. So könnten Kinder aus einigen Gruppen (immer abhängig von dem/der jeweiligen Erzieher/in) in voller Regenmontur selbstverständlich wild durch die Pfützen springen. Andere Gruppen kennen die Einschränkung, dass man bitte nicht springen, sondern nur vorsichtig hindurch laufen sollte. Wieder andere Gruppen sind ermahnt, dass sich in den Pfützen nur bewegt werden darf, wenn gerade kein Kind in der Nähe ist, dass nicht ebenfalls vollständig in Regenkluft gekleidet ist. Pech haben übrigens die Kinder jener Gruppen, in denen Erzieher/innen die Erfahrung gemacht haben, dass Gummistiefel auch einmal undicht sein können. Für sie gilt ein grundsätzliches Pfützen-Verbot. Noch nicht angesprochen ist übrigens der Fall, dass ein Kind sich mit Schippe und Eimer ausgestattet der Pfütze zum Spiel nähert, Wasser etwa in den Sandkasten transportiert werden soll oder diverse Materialien der Pfütze zugegeben werden sollen, um die entsprechenden Wirkungen zu beobachten.
Für jede der genannten Regeln gibt es einen jeweils guten Grund. Die Fairness allen Kindern gegenüber gebietet es jedoch, an der Pfütze in der unmittelbaren Situation alle gleich zu behandeln. Es wäre schlichtweg schwer zu vermitteln, warum eine Anzahl Kinder in Regenkluft durch die Pfütze springen kann, während sie zur gleichen Zeit von anderen ähnlich gekleideten Kindern nur langsam durchschritten werden darf und wieder andere Kinder dem Geschehen vom Pfützenrand zuschauen müssen. Unterm Strich werden also alle Kinder zurückgehalten. Oder eben nur solange in die Pfütze gelassen, bis... Und so weiter.
Es gäbe viele andere Beispiele. Der Fahrzeugpark, der Ballplatz, der Garten, der Zaun, das Gebüsch, eine frei stehende Mauer, der Sandkasten, die beweglichen Bänke...
Vielleicht aber ist solch strikte Regulierung auch für etwas gut: Kinder lernen so eingeengt, sich ihre Freiräume zu erkämpfen. sei es durch genaue Beobachtung und Differenzierung der Erzieher/innen oder durch schlichtes Umgehen. Komplexe Systeme haben nämlich noch einen Effekt. Sie sind niemals perfekt.
Das mit den Regeln ist allerdings so eine Sache. Es gibt solche, die auf Papier (oder neuerdings in die Cloud) geschrieben werden und dadurch Gültigkeit erhalten. Sollen solche Regeln verändert werden - etwa weil sie sich nicht bewährt haben oder die Regelwächter/innen irgendwann neue Gesichter haben - braucht es einer Auseinandersetzung, einer Vereinbarung oder eines entsprechenden Dekrets "von oben". Öffnungszeiten lassen sich in einer Kita so regeln. Oder Dienstpläne oder Raumausstattungen.
Eine andere Form von Regeln entsteht in der täglichen Arbeit der Erzieher/innen. Und solche Regeln sind keinesfalls einheitlich - selbst wenn die grundsätzliche pädagogische Ausrichtung der Erzieher/innen doch eine ähnliche sein sollte. Und dennoch unterscheiden sich im konkreten Tun Vorstellungen davon, was richtig und wichtig ist. So entscheidet beispielsweise jede/r Erzieher/in, bei welchem Wetter es tatsächlich raus geht - beispielsweise durch eine eigene Interpretation der Regenstärke.
So erfährt eine Kita Leben, so lernen Kinder zudem, dass auch Erwachsene unterschiedliche Meinungen haben und unterm Strich dennoch sehr gut miteinander klarkommen können. Nicht zuletzt wegen der Verschiedenartigkeit von erwachsenen Bezugspersonen sollten Kinder in der Kita zwischen verschiedenen Ansprechpartner/innen wählen können bzw. ab und an mit verschiedenen konfrontiert sein.
Zur Schwierigkeit werden individuell getroffene Regelungen allerdings in einem komplexen System dadurch, dass sich aus ihnen in der Summe ein Regelwerk ergibt, dass keinesfalls mehr vielfältig ist, sondern nach und nach sehr enge Grenzen setzt. Unter Umständen ist das sogar gar nicht so ungewollt. In jedem Fall aber ist dieser Mechanismus wirkungsmächtig.
Beispiel Schaukel... Im Garten gibt es zwei nebeneinander hängende Schaukeln. Für diese Anlage (umgeben von einer kleinen Hecke, durch die ein Zutrittsbereich genau gekennzeichnet ist) gibt es Regelwerk. Geschaukelt werden darf nur, wenn ein/e Erzieher/in anwesend ist. Es darf nur sitzend und nur mit dem Gesicht in Richtung des "Eingangs" geschaukelt werden. Schaukeln dürfen zudem nur Kinder, die allein auf die Schaukel klettern und diese allein in Bewegung versetzen können. Wie lange das einzelne Kind schaukeln darf, ist wahlweise zu zählen, zeitlich zu messen oder aus dem Bauch zu bestimmen. Kein anderes Kind darf (das folgt aus den Regeln und wird regelmäßig angemahnt) den abgegrenzten Schaukelbereich während des Schaukelns betreten - also auch nicht etwa, um einem anderen Kind zu helfen oder ihm Anschwung zu geben. Und da sich das Erdreich unter den schaukeln zugleich verdichtet und reduziert, also kleine Kuhlen entstehen, müssen nach und nach die Beine der Kinder, die allein auf die Schaukel kommen können, immer länger werden. Wahlweise dürfte auch die Technik des selbstständigen Aufstiegs immer ausgefeilter werden...
Die Summe dieser Regeln steht nicht etwa irgendwo geschrieben. Sie ist auch nie - so scheint es zumindest - diskutiert worden. Vielmehr ergibt sie sich daraus, dass immer wieder andere Kolleg/innen an der Schaukel die Aufgabe der Aufsicht übernehmen. Und für jede und jeden scheint eine andere Regel passend und wichtig. Da man eine einmal von einer/einem Kolleg/in ausgesprochene Regel niemals in Frage stellen würde, weil dies ja einem Infragestellen der/des Kolleg/in gleichkommen könnte. Und so kommt eine Regelung auf die andere. Bis schließlich kaum noch Platz bleibt für kreatives Spiel. Und das ausgerechnet an der Schaukel, die für die motorische Entwicklung so wichtig sein kann. Und nahezu prädestiniert ist für die Erprobung der Kinder in Sachen Kooperation, Konfliktaustragung und Selbstregulation.
Beispiel Pfütze... Es ist klar, auch bei Regenwetter geht es in den Garten. Allerdings finden sich an drei Stellen bei Regen schöne Pfützen. Oder zum Glück befinden sie sich schnell dort. Selbstverständlich jedoch sind auch diese drei Pfützen durchreguliert. Das Schema der Regelentstehung ist ein ähnliches wie an der Schaukel. Bei oder nach Regen gehen die Kinder in Regenkleidung in den Garten. Gummistiefel, Regenhose und Regenjacke gehören dazu - eigentlich also weitgehend wasserdicht. Einige wenige Kinder haben gelegentlich leider keine Wechselsachen mit. Manches mal sind die Gummistiefel gerade zu klein. In den Gruppenräumen warten aber für alle Kinder für den Bedarfsfall Wechselsachen. Selbst wenn ein Kind ohne Regensachen sich in einer Pfützen badet, könnte es wenige Augenblicke später umgezogen und damit trocken sein.
Die Pfützen-Regelungen sind eine Ansammlung von wenn-dann-Kombinationen. So könnten Kinder aus einigen Gruppen (immer abhängig von dem/der jeweiligen Erzieher/in) in voller Regenmontur selbstverständlich wild durch die Pfützen springen. Andere Gruppen kennen die Einschränkung, dass man bitte nicht springen, sondern nur vorsichtig hindurch laufen sollte. Wieder andere Gruppen sind ermahnt, dass sich in den Pfützen nur bewegt werden darf, wenn gerade kein Kind in der Nähe ist, dass nicht ebenfalls vollständig in Regenkluft gekleidet ist. Pech haben übrigens die Kinder jener Gruppen, in denen Erzieher/innen die Erfahrung gemacht haben, dass Gummistiefel auch einmal undicht sein können. Für sie gilt ein grundsätzliches Pfützen-Verbot. Noch nicht angesprochen ist übrigens der Fall, dass ein Kind sich mit Schippe und Eimer ausgestattet der Pfütze zum Spiel nähert, Wasser etwa in den Sandkasten transportiert werden soll oder diverse Materialien der Pfütze zugegeben werden sollen, um die entsprechenden Wirkungen zu beobachten.
Für jede der genannten Regeln gibt es einen jeweils guten Grund. Die Fairness allen Kindern gegenüber gebietet es jedoch, an der Pfütze in der unmittelbaren Situation alle gleich zu behandeln. Es wäre schlichtweg schwer zu vermitteln, warum eine Anzahl Kinder in Regenkluft durch die Pfütze springen kann, während sie zur gleichen Zeit von anderen ähnlich gekleideten Kindern nur langsam durchschritten werden darf und wieder andere Kinder dem Geschehen vom Pfützenrand zuschauen müssen. Unterm Strich werden also alle Kinder zurückgehalten. Oder eben nur solange in die Pfütze gelassen, bis... Und so weiter.
Es gäbe viele andere Beispiele. Der Fahrzeugpark, der Ballplatz, der Garten, der Zaun, das Gebüsch, eine frei stehende Mauer, der Sandkasten, die beweglichen Bänke...
Vielleicht aber ist solch strikte Regulierung auch für etwas gut: Kinder lernen so eingeengt, sich ihre Freiräume zu erkämpfen. sei es durch genaue Beobachtung und Differenzierung der Erzieher/innen oder durch schlichtes Umgehen. Komplexe Systeme haben nämlich noch einen Effekt. Sie sind niemals perfekt.
Dienstag, 30. September 2014
Chaostheorie für Neueinsteiger
Ich bin ein Chaot. Definitiv. Und aus diesem Grund bin ich recht gut organisiert. Eigentlich recht gut organisiert. Kalender, Stift, Notizblock sind ständige Begleiter und Struktur ist mir wichtig. Eben weil ich so chaotisch bin. Alles was Struktur gibt, hilft mir im Kampf ums Überleben im Alltag.
In der Kita sollte es nun eigentlich tendenziell eher strukturiert zugehen. Ein Tagesablauf, eine gute Planung, Routinen und Regeln tragen dazu bei, dass es Verlässlichkeit für alle Beteiligten gibt. Und dennoch steckt in einer Kita - zumal in einer mit über 200 Kindern - eine Menge organisatorisches Chaospotential. Beispielsweise in Form einer komplexen Dienstplanung. Öffnungszeiten von 06:00 bis 17:45 Uhr wollen durch Kolleg/innen, die zwischen sechs und acht Stunden täglich arbeiten, abgedeckt sein. Auf dem Papier ist eine solche Planung schon schwer genug. Wenn in der Realität dann aber ein/e Kolleg/in mal krank wird, ein Elterngespräch oder einen anderen Termin hat, ist dies schnell der berühmte Schmetterlingsschlag, der das Gesamtsystem ins Wanken bringt.
Im Umkehrschluss gilt es, bei allen Vorhaben und Routinen die Komplexität dieses Systems zu berücksichtigen. Also etwa bei der Planung eines Elternabends berücksichtigen, dass es neben Einladung, Raum und Inhalt der Beachtung weitreichenderer Folgen bedarf...
Zum Beispiel so: Im Veranstaltungsraum übt ansonsten zur Zeit, an dem der Elternabend stattfinden soll, die Tanzgruppe. Die ist zwar räumlich umorganisiert, aber das wissen längst nicht alle Teilnehmer/innen. Also geht gelegentlich die Tür auf - und dies mit einer Frage nach der Tanzstunde einher. Der Raum übrigens wurde ausgerechnet am selben Tag ab mittags zur Reinigung der Teppiche des Hauses genutzt und war mit eben diesen ausgelegt. Daran scheitert der Plan, ihn bereits in der Mittagspause einzuräumen. Das wiederum wäre von großem Vorteil gewesen, weil die Kombination aus eigenem Betreuungsdienst bis zur Minute des geplanten Beginns des Elternabends und der Tatsache, dass die mit Elternabende Kollegin von morgens an arbeitet und ihr eine Pause am Nachmittag einfach zusteht, für arge Engpässe in der unmittelbaren Elternabend-Vorbereitung sorgt. Bleibt als einzige Option, den eigenen Dienst zu Ungunsten der Kolleg/innen, die im Garten über das Wohl der Kinder wachen, um zwanzig Minuten zu verkürzen, um wenigstens diese Zeit noch zur Verfügung zu haben, um den Raum einzurichten, die Technik vorzubereiten und allen Eltern persönlich einen guten Tag zu wünschen.
Später am Abend verstehe ich dann auch, warum eine der Kolleginnen bei meinem Weggehen bemerkt, dass sie gar nichts von dem Elternabend wusste. Sie hat Spätdienst und betreut damit jene Kinder, deren Eltern beim Elternabend sind und keine alternative Betreuung organisieren konnten. Da der Elternabend nicht punkt 17:45 Uhr endet, sammelt sie heute - zu Recht leicht genervt ob der vorherigen Unwissenheit - Überstunden-Zeit. Die Entschuldigung samt Erklärung folgt am nächsten Tag.
Manchmal nervt mich mein neuer Job. Aber noch nicht ein einziges mal wegen der Kinder. Es ist dieses merkwürdig abstrakte und dennoch so wirkungsmächtige System Kita, das immer und immer wieder ausbremst. Und zum ersten mal bin ich mir unsicher, ob sich in solchen Systemen männliche und weibliche Kommunikationsweisen nicht nur unterscheiden sondern im ungünstigen Fall behindern. Bleibt wohl zu beobachten. Ich hätte es halt vorher gern schwarz auf weiß auf Papier gehabt: eine "Checkliste Elternabend für Einsteiger/innen" oder etwas in der Art. Frauen scheinen das nicht zu brauchen...
In der Kita sollte es nun eigentlich tendenziell eher strukturiert zugehen. Ein Tagesablauf, eine gute Planung, Routinen und Regeln tragen dazu bei, dass es Verlässlichkeit für alle Beteiligten gibt. Und dennoch steckt in einer Kita - zumal in einer mit über 200 Kindern - eine Menge organisatorisches Chaospotential. Beispielsweise in Form einer komplexen Dienstplanung. Öffnungszeiten von 06:00 bis 17:45 Uhr wollen durch Kolleg/innen, die zwischen sechs und acht Stunden täglich arbeiten, abgedeckt sein. Auf dem Papier ist eine solche Planung schon schwer genug. Wenn in der Realität dann aber ein/e Kolleg/in mal krank wird, ein Elterngespräch oder einen anderen Termin hat, ist dies schnell der berühmte Schmetterlingsschlag, der das Gesamtsystem ins Wanken bringt.
Im Umkehrschluss gilt es, bei allen Vorhaben und Routinen die Komplexität dieses Systems zu berücksichtigen. Also etwa bei der Planung eines Elternabends berücksichtigen, dass es neben Einladung, Raum und Inhalt der Beachtung weitreichenderer Folgen bedarf...
Zum Beispiel so: Im Veranstaltungsraum übt ansonsten zur Zeit, an dem der Elternabend stattfinden soll, die Tanzgruppe. Die ist zwar räumlich umorganisiert, aber das wissen längst nicht alle Teilnehmer/innen. Also geht gelegentlich die Tür auf - und dies mit einer Frage nach der Tanzstunde einher. Der Raum übrigens wurde ausgerechnet am selben Tag ab mittags zur Reinigung der Teppiche des Hauses genutzt und war mit eben diesen ausgelegt. Daran scheitert der Plan, ihn bereits in der Mittagspause einzuräumen. Das wiederum wäre von großem Vorteil gewesen, weil die Kombination aus eigenem Betreuungsdienst bis zur Minute des geplanten Beginns des Elternabends und der Tatsache, dass die mit Elternabende Kollegin von morgens an arbeitet und ihr eine Pause am Nachmittag einfach zusteht, für arge Engpässe in der unmittelbaren Elternabend-Vorbereitung sorgt. Bleibt als einzige Option, den eigenen Dienst zu Ungunsten der Kolleg/innen, die im Garten über das Wohl der Kinder wachen, um zwanzig Minuten zu verkürzen, um wenigstens diese Zeit noch zur Verfügung zu haben, um den Raum einzurichten, die Technik vorzubereiten und allen Eltern persönlich einen guten Tag zu wünschen.
Später am Abend verstehe ich dann auch, warum eine der Kolleginnen bei meinem Weggehen bemerkt, dass sie gar nichts von dem Elternabend wusste. Sie hat Spätdienst und betreut damit jene Kinder, deren Eltern beim Elternabend sind und keine alternative Betreuung organisieren konnten. Da der Elternabend nicht punkt 17:45 Uhr endet, sammelt sie heute - zu Recht leicht genervt ob der vorherigen Unwissenheit - Überstunden-Zeit. Die Entschuldigung samt Erklärung folgt am nächsten Tag.
Manchmal nervt mich mein neuer Job. Aber noch nicht ein einziges mal wegen der Kinder. Es ist dieses merkwürdig abstrakte und dennoch so wirkungsmächtige System Kita, das immer und immer wieder ausbremst. Und zum ersten mal bin ich mir unsicher, ob sich in solchen Systemen männliche und weibliche Kommunikationsweisen nicht nur unterscheiden sondern im ungünstigen Fall behindern. Bleibt wohl zu beobachten. Ich hätte es halt vorher gern schwarz auf weiß auf Papier gehabt: eine "Checkliste Elternabend für Einsteiger/innen" oder etwas in der Art. Frauen scheinen das nicht zu brauchen...
Freitag, 19. September 2014
Aufladungen
Freitage in der Kita sind komplex. Das liegt zum einen daran, dass Erzieher/innen sich auf ihr Wochenende freuen und vielleicht etwas weniger angespannt sind. Andererseits stecken den Kindern vier Tage Kita in den Knochen. Und um trotz dieses Umstandes den morgendlichen Gang in die Kita erträglich oder überhaupt erst möglich machen zu können, deuten nicht wenige Eltern schon einmal vorsichtig an, was am Wochenende alles passieren wird.
Gefangen zwischen Kitaerschöpfung und Vorfreude auf das verheißungsvolle Wochenende hoffen die Kinder auf ein möglichst schnelles Vergehen der Zeit, treffen aber wiederum auf Erzieher/innen, die bereits einen Gang zurückgeschaltet haben - auch im Wissen um das Kommende. Ein Teufelskreis, der beim Mittagsschlaf seinen Höhepunkt findet, bevor abholbereite Eltern nach dem Vesper schließlich Kind für Kind ins Wochenende holen.
Verdichtet wird solch emotionale Ausgangslage, wenn gleich morgens das Wetter so richtig mitspielt. Zum Beispiel, wenn es begleitend zum Frühstück ordentlich Gewitter gibt und der Garten dabei so richtig aufweicht. Die dabei entstehenden Aufladungen gehen sofort in den Energiehaushalt der Kinder über. Zwar gibt es für alle Regenkleidung und natürlich geht es nach dem Gewitter raus. Das Procedere des An- und späteren Ausziehens passt aber so gar nicht in die Ausgangslage.
Gelassenheit ist manchmal keine leichte Übung. Wohl aber eine wichtige. Und gerade an solchen Tagen braucht es Orientierung fürs Kind. Also wird der Tagesablauf mit seinen Ritualen und Regelmäßigkeiten heute besonders akkorat eingehalten. So entsteht Orientierung und das Gefühl von Durchschaubarkeit des Tages. Beides hilft, die Zeit bis zum Beginn des Wochenendes besser zu überblicken...
Sonntag, 14. September 2014
Das Wort zum Sonntag
Ich würde sagen, es ist problematisch, wenn ein/e Erzieher/in, der/die in ihrer Gruppe ca. ein Viertel Kinder mit Migrationsanteil betreut, davon spricht, dass man dafür sorgen müsse, "nicht mehr so viele Asylanten reinzulassen".
Das finde ich persönlich problematisch. Für eine im Umgang mit Eltern und Kindern wertschätzende Pädagogik ist das aber absolut unmöglich.
Haltungen kann man eben nur bedingt vermitteln oder "lehren". Bestimmte Haltungen aber muss man einfach erwarten können. Finde ich.
Haltungen kann man eben nur bedingt vermitteln oder "lehren". Bestimmte Haltungen aber muss man einfach erwarten können. Finde ich.
Montag, 8. September 2014
Grenzerfahrung
Grenzen gilt es zu setzen! Sie dienen der Ordnung und sind wichtig für die Orientierung.
Der Fahrzeugpark etwa darf nicht irgendwie genutzt werden. Schon gar nicht kreativ. Die Rikscha (ein wunderbares Kinderfahrgerät, auf dem ein Kind sitzen kann, während es ein anderes recht einfach zieht) wird "bei uns eigentlich nicht rausgegeben". Befahren wird nur ein einsehbares Wegrondell und zwar in nur eine Richtung. Dabei ist darauf zu achten, dass Fahrzeuge nur bergan angeschoben werden dürfen, während kurz vor der unteren Kurve rechtzeitig zu bremsen ist. Drei Runden darf die Fahrt dauern (bei mancher Erzieherin auch nur zwei), wenn andere Kinder auch fahren wollen. Danach erfolgt an der markierten "Haltestelle" ein Fahrer/innen-Wechsel.
Schaukeln übrigens ist nur in eine Blickrichtung erlaubt. Vor allem aber ist es in der Kita nur jenen Kindern erlaubt, die schon schaukeln können. Für die anderen ist die Schaukel tabu. Die Nutzung der Wasserstrecke ist erstens nur mit Wasser (auf gar keinen Fall mit Schlamm) und zweitens nur unter Anwesenheit einer Erzieherin gestattet.
Bei nassem Boden wird das Fußballfeld nicht genutzt. Stöcke werden nicht in die Hand genommen. Der Ablauf des Procedere vom Hereinkommen aus dem Garten bis zum Mittagsschlaf ist vollständig geregelt. Schuhe/Jacke aus, Hände waschen, Tee holen, Becher wegbringen, Essen bringen lassen, Besteck erst zur Hand nehmen, wenn alle ihren Teller haben, essen und dann sitzen bleiben bis alle aufgegessen haben. Dann Stuhl in die Bauecke tragen, sich dort ausziehen, anstellen um das eigene Bett abzuholen, Bett aufstellen, Schlafanzug anziehen, ins Bad zum Zähneputzen, hinlegen, umdrehen, schlafen. Schlafen! Alle! So und nicht anders.
Im Verlauf der Jahre scheint jeder Erzieherin die Einführung einer Regel irgendwie wichtig gewesen zu sein. Und weil man darüber scheinbar nicht spricht und man die Kollegin nicht infrage stellen will, wird die Regel einfach von allen übernommen. So verdichtet sich der Tag auf eine Ansammlung schier unüberblickbarer Regeln. Vor allem aber verdichtet sich der Tag auf eine Ansammlung des Aufrufens dieser Regeln.
Nun braucht es in einer Kita - zum Funktionieren des Miteinanders, zur Abwendung von Gefahren, für ein erträgliches Lärmpensum, etc. - zweifelsfrei Regeln. Wenn aber jedwede Kreativität von Kindern nur im Rahmen stringent schmal eröffneter Bahnen stattfinden kann, ist das nah an der Verhinderung mancher positiver Entwicklung. Die bessere Alternative zur für ewig und immer geltenden Regel wäre doch wohl die der jeweiligen Situation angepasste Diskussion über das Verhalten. "Es sind gerade sehr viele kleine Kinder hier in der Nähe. So lang müsstet ihr bitte langsamer fahren." Das geht auch, wenngleich es natürlich mehr anstrengt, als das Aufstellen immerwährender Regeln. Gewinnbringend für die Kinder wäre es jedoch allemal. Zumal sie ganz nebenbei lernen würden, sich mit eigenen Argumenten in Diskussionen zu begeben - und bestenfalls sich in diesen Diskussionen auch zu bewähren.
Grenzen und Regeln sind da, um sie zu überwinden. Sagte mir einst ein sehr sympathischer Mann, der in Frieden mit allen anderen Menschen ein erfülltes Leben führt. Und Recht hat er. Im Großen und im Kleinen. Vielleicht schaut man manchmal einfach einen Moment weg, wenn es ein Kind mit einer zu strengen Regel nicht ganz so streng nimmt? Oder diskutiert zumindest den Sinn und die Existenz dieser Regel, anstatt sie nur immer wieder aufzurufen.
Mittwoch, 27. August 2014
Betreuung zeitweise...
Ein Thüringer Spezifikum vielleicht. Aber mit Beginn des neuen Kindergartenjahres reduziert sich einmal mehr der Arbeitszeitumfang vieler Kolleg/innen in den Kindertagesstätten. Und das geschieht nicht etwa, weil sie weniger Kinder zu betreuen hätten.
Ganz im Gegenteil.In Thüringen werden die Kitas nach Anzahl der jeweils angemeldeten Kinder finanziert. Da im August die Schulanfänger/innen verabschiedet werden, die Neuaufnahmen dann aber erst sukzessive zwischen September und November erfolgen, hat die Kita also schlagartig erheblich weniger Personalstunden zur Verfügung. Und dieses Minus wird im Team verteilt.
Im Ergebnis reduziert sich die Präsenzzeit der Erzieher/innen in allen Gruppen. Und das genau in der Zeit, da sich mit Ende der Urlaubs- und Ferienzeit und kurz vor der ersten herbstlichen Erkältungswelle die Gruppen gerade wieder in voller Präsenzstärke zeigen. Bei den Marienkäfern fallen ab September zehn Betreuungsstunden pro Woche - verteilt auf zwei Erzieher/innen - weg. Der Tagesablauf und Aufgaben bleiben akorat gleich. Und schon über Kita-Gehälter im Vollzeitmodus brauchen wir keine Worte zu verlieren.
Ich denke mal nach, wie ich mir meine Fragen zur Sinnhaftigkeit solcher von der Landespolitik zu verantwortenden Regelungen beantworten könnte. So kurz vor der Landtagswahl auch ne gute Beschäftigung. Entscheidungshilfe selfmade...
Dienstag, 26. August 2014
Schlammschlacht reloaded
Da war mal was mit einem Regentag. Ganz am Anfang meiner Kita-Zeit.
Heute war wieder ein Regentag. Da es schon die ganze Nacht geregnet hatte, war der Garten so richtig matschig. Yeah! Superwetter für hochmotivierte Neuerzieher, die den Kindern Abenteuer und Abwechslung bieten wollen (oder aus Gründen des Selbstbeweises müssen). Kurzerhand also wurde die Tagesplanung der Maikäfergruppe umgeworfen. In der Angebotszeit lagen Papier und Wasserfarben bereit, um ein riesengroßes Regenbild zu malen. Und zwar - ganz im Sinne des Projekts "unsere Sinne" - mittels Fingern, die wiederum vorher gegenseitig mit dem Pinsel angemalt wurden. Kichern, Zucken, Treffermühe... Am Ende lag das Meisterwerk für alle zu bewundern auf dem Tisch. Hübsch! Und natürlich unbedingt des Zeigens würdig. Also nach dem Trocknen gleich ab damit an die Pinwand in der Gruppengarderobe.
Weil natürlich nicht nur die Fingerspitzen angemalt waren, sondern irgendwann auch die Hände ja sogar ganze Arme in blau und gelb leuchteten, ging es erst einmal ab in die Generalreinigung. Bei der Gelegenheit haben wir das Badezimmer gleich auch in einen ähnlichen Zustand versetzt, wie ihn das Gelände rund um die Kita zeitigte: triefend nass. Super. Regen geht also irgendwie auch drin.
Danach ab in die Regenkluft. Zwölf Kinder = zwölf mal Regenhosen richten, drehen und anzuziehen helfen + zwölf mal Regenjacken sortieren. Die nämlich lagen mittlerweile zu einem Gesamthaufen vermengt auf dem Garderobenboden. Irgendwie passt dann jedes Kind in eine Jacke. Gut. Also noch die Gummistiefel verteilt und alle Kinder zum Anziehen ermutigt.
Und dann raus! Ein zweites mal "Yeah!". Draußen im Garten (bis zur notwendigen Rückkehr in den Gruppenraum zur Einnahme des Mittagessens bleiben uns noch 20 Minuten) dann als erstes die Erkenntnis, dass wir die einzige Gruppe sind, die draußen ist. Ein kleinwenig Stolz macht sich beim hochmotivierten Neuerzieher breit. Wildes Toben und Matschen, Pfützen werden schwungvoll entleert und die Matschstraße verdient endlich einmal ihren Namen. Draußen bei Wind und Wetter, so soll es sein. Warum machen die anderen das nicht?
Das Erwachen kommt - wie sollte es anders sein - beim Mittagsschlaf. Besser gesagt beim Versuch, zum Mittagsschlaf zu kommen. Meine lieben Kleinen sind so aufgedreht, dass an Schlafen nicht zu denken ist. Und da der Erzieher so schön Schwung in den Laden gebracht hat, schafft er es natürlich nicht, die ganze Sache wieder zu bremsen.
Irgendwann schaut dankenswerter Weise die Kollegin aus dem Nachbarzimmer vorbei. Fünf Minuten später schläft meine gesamte Gruppe. Morgen bin ich strenger. Glaube ich.
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